Droge Musik: Warum wir zu laut aufdrehen
Zwölf Jahre lang war ich ein professioneller Krachmacher. Als DJ habe ich hunderte Feiern und Events beschallt. Zwar habe ich als verantwortungsvoller Mensch stets versucht, 85 Dezibel nicht zu überschreiten. Mit dieser Lautstärke könnte man gefahrlos acht Stunden am Stück feiern. Doch wenn das Publikum erst mal ordentlich in Fahrt war, hieß es immer wieder seitens der Veranstalter: „Hey DJ, mach mal lauter.“ Also drehte ich auf.
Körperverletzung gegen Bezahlung
Was ich in manchen Nächten im Namen meiner Auftraggeber tun musste, grenzte zuweilen an Körperverletzung. Bei einigen Auftritten in Clubs wurde ich genötigt, Lautstärken jenseits der 100 Dezibel abzufeuern. Bereits eine Viertelstunde kann bei diesem Bassgewitter reichen, um bleibende Gehörschäden zu hinterlassen. Zumal wissenschaftlichen Studien zufolge die Ohren nachts anfälliger sind, als tagsüber.
Ich selbst trug stets maßgefertigten Gehörschutz mit einem Filter von minus 25 Dezibel. Doch fast niemand im Publikum schützte seine Ohren. Auch unter den meisten DJs und professionellen Musikern ist der Einsatz von Ohrstöpseln geradezu verpönt, weil man angeblich die Musik so nicht richtig spüren könne. Ob Rock- oder Konzertmusiker, ob Schlager- oder Techno-DJ: Das große Tabu der Musikbranche ist die dramatische Verbreitung von Schwerhörigkeit und Tinnitus unter ihren Akteuren.
Gehör im freien Fall
Trotz Gehörschutz blieb auch ich nicht davon verschont und erlitt schließlich einen Hörsturz, der mich einseitig 70 Prozent meiner Hörfähigkeit kostete. Tinnitus war sowieso schon lange mein Begleiter. Als dann noch Schwindel dazukam, war die Musik für mich endgültig aus. Heute ist für mich die schönste Melodie die Startsequenz meiner Hörgeräte am Morgen, denn dank ihnen stehe ich wieder mit beiden Beinen voll im Leben.
Ich habe lange von meinem Gehör gelebt und es letztlich ruiniert. Hätte ich das verhindern können? Wie die meisten DJs wusste ich sehr viel über Musik, aber so gut wie nichts über meine Ohren. Das wollte ich unbedingt ändern. Ich hatte sehr viele Fragen, als ich mit der Recherche für mein Buch „Ganz Ohr – Alles über unser Gehör und wie es uns geistig fit hält“ begann und etliche wissenschaftliche Arbeiten las.
Warum das alles?
Nachdem ich erkannt hatte, was ich meinen Ohren in all den Jahren zugemutet hatte, beschäftigte mich eine Frage besonders: Woher kommt eigentlich die Sehnsucht so vieler Menschen, Musik viel lauter aufzudrehen, als den Haarzellen in unseren Ohren lieb ist? Worin besteht der besondere Kick, Musik in gesundheitsschädlichen Lärm zu verwandeln, der DJs rund um die Welt ernährt und der ihre Gesundheit ebenso gefährdet, wie die ihres Publikums?
Die Antwort hierauf ist im Belohnungszentrum unseres Gehirns zu finden. Je nach Musikgeschmack, werden beim Hören bestimmter Songs Botenstoffe ausgeschüttet, die Glücksgefühle auslösen, oder andere, die traurig oder aggressiv machen. Dadurch kann Musik unsere Stimmung unmittelbar beeinflussen.
Die Wirkung geht so weit, dass sogar Schmerzlinderung durch Musik klinisch nachweisbar ist. Eigentlich ist Musik eine Droge ohne Nebenwirkungen – es sei denn, wir hören sie zu laut! Natürlich hören wir bevorzugt diejenige Musik laut, die uns besonders gefällt. Mehr noch: wie gut uns ein Lied gefällt, beeinflusst sogar unsere vermeintlich objektive Wahrnehmung von Lautstärke.
Damit es rockt, muss es laut sein
In einem Experiment hat man jeweils zwanzig Rock-Fans und solchen Personen, die Rock nicht mochten, kurze Musikschnipsel unterschiedlicher Art und Lautstärke vorgespielt. Die Aufgabe bestand darin, die einzelnen Klangfolgen auf dieselbe Lautstärke einzustellen.
Tatsächlich regelten die Rock-Fans Passagen aus Rock-Titeln lauter, als die restlichen Studienteilnehmer. Daraus lässt sich schließen, dass sie diese Musik als weniger laut empfanden, als Menschen, die einen anderen Musikgeschmack haben.
Wir werden für das laute Aufdrehen unserer Lieblingsmusik also unmittelbar mit Glückshormonen belohnt. Eine US-amerikanische Studie belegt: Daraus kann ein Verhalten resultieren, das dem von Drogenabhängigen ähnelt. Einige Parallelen zwischen der „Droge Musik“ und Alkohol sind besonders deutlich. Beispielsweise das Verlangen, den Drogen- oder Musik-Kick zu verstärken. Hören wir einen Song leise im Hintergrund im Radio, der uns besonders anspricht, ist der erste Impuls, den Kick zu erhöhen, indem wir lauter drehen. In der Folge wollen wir denselben Song gerne wieder hören.
Vom Musikgenießer zum Junkie
Eine weitere Parallele zur Sucht nach Drogen ist das Ausschalten der Vernunft beim Konsum. Langfristige Ziele, wie gesund zu bleiben und möglichst alt zu werden, treten in den Hintergrund. Mag ein Trinker wissen, dass er seine Leber schädigt und seine Lebenserwartung verkürzt – dennoch ist der augenblickliche Drang größer, sich dem Rausch hinzugeben.
Genauso verhält es sich mit der lauten Musik auf Konzerten und in Clubs: Viele Menschen wissen, dass sie damit ihr Gehör schädigen können und bleibenden Tinnitus riskieren, und dennoch wollen sie die Musik möglichst intensiv fühlen. Dazu trägt übrigens auch insbesondere die Stimulation des Gleichgewichtsorgans in den Ohren durch die Bässe der großen Lautsprecher bei.
Ich kann davon ein Lied singen, war ich doch selbst jahrelang Musik-Junkie. Erst als mein Gehör mich endgültig im Stich ließ, konnte ich einen vernünftigen Umgang mit der Droge Musik finden. Ich hoffe, dies möge dem ein oder anderen Leser erspart bleiben. Denn eigentlich ist es ganz einfach, Musik zu genießen, ohne das Gehör zu überlasten.
Genuss ohne Reue
Wenn Sie ein Konzert oder einen Club besuchen, tragen Sie einen Gehörschutz. Tun Sie darüber hinaus bitte etwas, das mir als DJ hinter dem Mischpult leider nicht möglich war: Gönnen Sie Ihren Ohren immer wieder Pausen und verlassen sie für einige Zeit die lauten Bereiche.
Wenn Sie selbst als Musiker oder DJ auf der Bühne stehen, nutzen Sie ein professionelles In-Ear Monitoring System. Und im alltäglichen Einsatz von MP3-Playern und Co, denken Sie bitte daran: Ein Lautstärkeregler muss nicht bis zum Anschlag aufgedreht werden. Wie jede Sucht, ist das letztlich eine durch unser Verhalten erworbene Angewohnheit. Und Gewohnheiten kann man ändern – beim Musik-Konsum vermutlich leichter, als bei anderen Drogen.
Literatur:
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