Kognitive Hörverarbeitung (Teil 4) – Stressverursachte auditive Verarbeitungsstörung
Rückblick und Zusammenfassung Teil I bis III
Kognitives Hören bzw. zentrales Hören – auch Hörverarbeitung oder Hörwahrnehmung genannt beschreibt den Teil des Hörens, der auf neuronaler Ebene im Gehirn erfolgt, nach dem peripheren Hören, das mit dem Organ Ohr – also mit dem Innenohr – bewältigt wird. Das Verstehen ist also eine Leistung des kognitiven Hörens. Ob ein Hörverlust oder eine Störung der Verarbeitung und Auswertung vorliegt, kommt aufs Gleiche raus: das Verstehen wird nicht oder nur erschwert möglich sein und beeinflusst darüber hinaus auch die anderen Wahrnehmungssysteme.
Zu beobachten ist oft, dass das Verstehen durch die apparative Versorgung eines Hörverlustes oft nicht ausreichend bzw. zufriedenstellend wiederhergestellt werden kann. Der Grund ist die strukturelle Veränderung im Gehirn (Neuroplastizität), die sich nach und nach einstellt, wenn ein Hörverlust besteht. Dieses Phänomen nennt man Hörentwöhnung. Mit Hörentwöhnung ist die Störung einer oder mehrerer Teilprozesse der zentralen Hörverarbeitung gemeint aufgrund des Informationsmangels durch den vorliegenden Hörverlust. Den Rückgang der kognitiven Fähigkeiten durch den Einsatz von Hörgeräten aufzuhalten reicht allerdings oft nicht aus, obwohl der frühzeitige Einsatz von Hörgeräten die Rückgewöhnung an das normale Hören erleichtern kann. Die sogenannte Gewöhnung an Hörgeräte in Kombination mit einer Hörentwöhnung kann 8 bis 12 Monate dauern. Wohingegen eine Gewöhnung an Hörsysteme ohne Hörentwöhnung 6 bis 12 Wochen dauert. Um eine Hörentwöhnung rückgängig zu machen muss das Gehirn entsprechend gereizt und trainiert werden. Die neuronalen Prozesse müssen reorganisiert werden und neue Verknüpfungen müssen erstellt werden. Hierzu bedarf es einer gezielten Impuls-Neurostimulation- also einem Hörtraining.
Schlechtes Verstehen trotz gutem Hörvermögen
Was aber, wenn das Verstehen eingeschränkt ist aber das Hörvermögen völlig in Takt ist? Immer wieder kommen Menschen zum Ohrenarzt oder Körakustiker und wünschen einen Hörtest zu machen, weil sie in ihrem Alltag erleben, dass sie schlecht verstehen. Doch das Audiogramm zeigt keinen Hörverlust. Sie sind guthörend. Trotzdem ist das Sprachverstehen eingeschränkt. Was also verursacht die Störung der kognitiven Verarbeitung. Betroffene bekommen dann oft zu hören, dass sie gestresst seien und mal wieder Urlaub machen sollten. Was bedeutet das aber genau: Stress führt zu einer auditiven Verarbeitungsstörung?
Was ist Stress?
Wir klären zunächst mal, was unter Stress zu verstehen ist. Stress beschreibt eigentlich einen körperlichen bzw. organischen Ablauf, der zur Sicherung unseres Lebens also Überlebens dient. Zumindest im ursprünglichen Sinne. Heute assoziiert man mit Stress allerdings nur die negativen Auswirkungen auf unsere Leistungsfähigkeit und unser Empfinden.
Der Ort an dem Stress beginnt ist buchstäblich „im Kopf“. Genauer gesagt im limbischen System. Dort „herrscht“ der Hypothalamus über den Stresskreislauf, genauer gesagt über das autonome Nervensystem. Das System besteht aus zwei Teilen, dem sympathischen und dem parasympathischen Nervensystem. Man spricht von autonomem Nervensystem, weil es teilweise ohne die höheren Zentren der Großhirnrinde arbeitet und weil es ohne willentliche Steuerung funktioniert. Diesen Systemen sind funktional Organe zugeordnet. Die Teilnehmer des sympathischen Nervensystems sind „aktive“ Organe, die der Verteidigung des Lebens zur Verfügung stehen, wie Herz, Lunge, Blutkreislauf und Muskulatur. Dem parasympathischen System gehören alle Organe an, die zur Wiederherstellung des Körpers dienen, wie der gesamte Verdauungstrakt, Nieren, Leber und überraschenderweise der Fontalbereich des Gehirns (Bewusstsein). Tritt ein Stressor (Stressauslöser) auf, drückt der Hypothalamus den Alarmknopf und alle Teilnehmer des sympathischen Nervensystems bringen sich in Stellung zur Flucht oder zum Kampf. Das bedeutet, der Blutdruck steigt, die Herzfrequenz steigt, die Atmung wird schneller, Zucker wird in den Blutkreislauf ausgeschüttet zur energetischen Versorgung der Muskeln, welche jetzt auch in Anspannung sind. Alle anderen Organe gehen in „Standby“ um keine Energie zu verbrauchen oder Abläufe zu Stören. Als Botenstoffe hierzu dienen Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin. Wenn der Überlebenskampf positiv ausgetragen ist und der Stressor verschwunden ist, werden Hormone zur Einleitung des zweiten Teils des Stresskreislaufes ausgeschüttet nämlich Acetylcholin, Melatonin und DHEA. In der zweiten Phase des Stresskreislaufes regeneriert und repariert sich der Organismus und der Ruhezustand stellt sich wieder ein. Organe des parasympathischen Nervensystems sind jetzt aktiv. Nahrungsaufnahme und Schlaf gehören hier dazu.
Stress Heute
Funktioniert hat dieser Stresskreislauf solange die Stressoren sowas wie wilde Tiere waren, gegen die wir Leib und Leben verteidigen mussten. Heutzutage sind die Stressauslöser viel abstrakter und Flucht oder Kampf sind keine adäquaten Reaktionen mehr. Einem schreienden Kunden haut man in der Regel nicht K.O. oder flüchtet vor ihm aus dem Laden. Die üblichen Stoffwechselprodukte der ersten Hälfte des Stresskreislaufes fallen nicht an und die klare Abgrenzung zu den Gefahrenquellen fehlt auch. Daher kommen wir oft von der ersten Stresshälfte nicht in die zweite Hälfte des Stresskreislaufes und entspannen bzw. regenerieren nicht mehr. Wir bleiben quasi hängen und adaptieren zu dem Stressverhalten des Körpers. Die Folgen sind gravierend: zu hoher Blutdruck und Zuckergehalt im Blut werden als Normalzustand gewertet also adaptiert. Genauso wie die Anspannung der Muskeln und die verringerte Leistung des Frontalhirns und der Verdauungs- und Reinigungsorgane. Wir verlernen den Ruhezustand. Moderne Zivilisationskrankheiten wie Diabetis, zu hoher Blutdruck, Hormonstörungen, Schlafstörungen, Verdauungsstörungen Konzentrationsstörungen und nicht zu vergessen: zentrale Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen sind die Folge.
AVWS als eine mögliche Folge von Stress
Eine Störung der auditiven Verarbeitung auf Basis eines intakten Hörorgans und intakter Gehirnleistung, sprich mangelnde Diskrimination von Sprache ohne Hörverlust nennt man Audditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS). Diese definiert sich durch die Störung einiger oder mehrerer Teilfunktionen der auditiven Verarbeitung aufgrund von Stressprozessen im limbischen System. Natürlich gibt es noch andere Ursachen die eine AVWS zur Folge haben können. Wir betrachten aber die stressausgelöste AVWS die nicht nur Kinder haben können sondern auch oder besser gesagt gerade Erwachsene betrifft. Der Grund hierfür ist die veränderte Arbeitsweise im limbischen System und die reduzierte Verarbeitung im Frontalgehirn. Im aktiven ersten Teil des Stresszustandes reagiert das limbische System Reizgesteuert und die Aufmerksamkeit dient dem Überleben. Sprache verstehen gehört nicht unbedingt zur Überlebensstrategie und ist daher weniger wichtig und wird als Priorität abgestuft. Wenn dieser Stresszustand länger anhält, also chronisch wird, merken Betroffene, dass sie schlechter verstehen, leichter von Geräuschen gestört oder abgelenkt werden und sie sich schlecht in Gesprächen konzentrieren können.
Stress im Gehirn reduzieren
Stress kann die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen und stören. Die Fähigkeiten sich zu konzentrieren, zu verarbeiten und zu lernen sind stark reduziert.
Dass chronischer Stress zu Gedächtnisstörungen, Schlafstörungen, Depressionen, zentrale Verarbeitungsstörungen, Tinnitus und Hyperakusis führen kann ist bekannt. Unterschiede gibt es aber auch in der Stressreaktion von Frauen und Männern. Obwohl Männer zunächst konstanter in Stresssituationen Leistung abrufen können, sind sie diejenigen, die hormonell viel stärker reagieren als Frauen. Das Stresszentrum im Gehirn ist ja das limbische System, welches die Stressreaktionen verwaltet und steuert. Um also Probleme wie Tinnitus, auditive Verarbeitungsstörungen, Hörentwöhnungen, Hyperakusis und auch Folgen von Stressadaption erfolgreich bekämpfen zu können, bedarf es gezielter Stimulation entsprechender Hirnareale. Dies dient zur Reorganisierung neuronaler Prozesse, die das kognitive Verarbeiten von Sinneseindrücken, zu denen auch das Hören gehört, ausmachen. Durch gezieltes Impulse, kann das Gleichgewicht zwischen An- und Entspannung wieder ins richtige Verhältnis gesetzt werden. Künstlicher Stress wird erzeugt- also eine gezielte Anspannung. Anschließend wird eine gezieltes Entspannungssignal gesetzt. Dadurch wird das Stressniveau sukzessiv reduziert. Das erinnert an die Muskelrelaxation nach Jacobson. Um an die entsprechenden Hirnareale zu gelangen und das limbische System wieder ins Gleichgewicht zu bringen, kann man sich das Schlüsselloch Ohr zu nutzen Machen.
Schlüsselloch Ohr
Was wir hören beeinflusst unser Gemüt. Regt uns auf oder beruhigt uns. Beim Audio-Impulstraining wird ein künstlicher „Hörstress“ erzeugt (veränderte Hörprofile) und hinterher eine gezielte Entspannung durch Klangtherapie mit Naturgeräuschen.
Durch diese Reizprofile von An- und Entspannung wird ein neuronaler Prozess der Reorganisierung eingeleitet. Das Stresszentrum im Gehirn wird zurückgesetzt. Durch die regelmäßige Anwendung können neue kognitive Verarbeitungsrituale etabliert und konditioniert werden. Tinnitus wird in der Wahrnehmung abgemildert, Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen können behoben werden, Hörentwöhnung kann entgegengewirkt werden, Stress wird reduziert, Schlafrituale können neu etabliert werden. Die Einsatzbereiche sind vielfältig.
In meinem nächsten Artikel möchte ich die Audio-Impulsverfahren näher erklären und die Wirkungsprofile im Gehirn darstellen.
Literatur/Einzelnachweise und Quellen:
https://www.netdoktor.at/laborwerte/adrenalin-8444#:~:text=Adrenalin%20ist%20wie%20Noradrenalin%20ein%20Stresshormon%2C%20dessen%20Aufgabe,Flucht%20zu%20bef%C3%A4higen.%20Es%20besitzt%20ein%20breites%20Wirkungsspektrum.
https://www.bzk-online.de/bornaviren/limbisches-system/
https://www.landeskrankenhaus.de/aktuelles/projekte-im-landeskrankenhaus/zentrum-fuer-psychische-gesundheit-im-alter-zpga/praevention-psychischer-erkrankungen-im-alter#:~:text=Eine%20spezifisch%20menschliche%20Besonderheit%20findet%20sich%20zudem%20im,Verlust%20der%20betreffenden%20Areale%20beeintr%C3%A4chtigte%20F%C3%A4higkeiten%20wiedererlernen%20konnten.
https://www.welt.de/wissenschaft/article120646901/Warum-uns-komprimierter-Digitalklang-so-nervt.html
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