Kognitive Hörverarbeitung (Teil 5) – Die Wirkparameter des limbischen Systems oder Wie man das Gehirn an- und entspannen kann.
Rückblick und Zusammenfassung Teil I bis IV
Kognitives Hören bzw. zentrales Hören – auch Hörverarbeitung oder Hörwahrnehmung genannt beschreibt den Teil des Hörens, der auf neuronaler Ebene im Gehirn erfolgt, nach dem peripheren Hören, das mit dem Organ Ohr – also mit dem Innenohr – bewältigt wird. Das Verstehen ist also eine Leistung des kognitiven Hörens. Ob ein Hörverlust oder eine Störung der Verarbeitung und Auswertung (AVWS) vorliegt, kommt aufs Gleiche raus: das Verstehen wird nicht oder nur erschwert möglich sein und beeinflusst darüber hinaus auch die anderen Wahrnehmungssysteme.
Zu beobachten ist oft, dass das Verstehen durch die apparative Versorgung eines Hörverlustes oft nicht ausreichend bzw. zufriedenstellend wiederhergestellt werden kann. Der Grund ist die strukturelle Veränderung im Gehirn (Neuroplastizität), die sich nach und nach aufgrund des Informationsmangels durch den vorliegenden Hörverlust einstellt. Den Rückgang der kognitiven Fähigkeiten durch den Einsatz von Hörgeräten aufzuhalten reicht allerdings oft nicht aus, da die Gewöhnung an Hörgeräte in Kombination mit einer Hörentwöhnung 8 bis 12 Monate dauern kann (ohne Hörentwöhnung 6 bis 12 Wochen).
Im letzten Artikel beschäftigten wir uns mit den Verarbeitungsstörungen, die ohne Hörverlust zustande kommen: Schlechtes Verstehen trotz gutem Hörvermögen als Symptom einer Stressreaktion im limbischen System. Eine Störung der auditiven Verarbeitung auf Basis eines intakten Hörorgans und intakter Gehirnleistung, sprich mangelnde Diskrimination von Sprache ohne Hörverlust nennt man Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) und definiert sich durch die Störung einiger oder mehrerer Teilfunktionen der auditiven Verarbeitung aufgrund von Stressprozessen im limbischen System. Der Grund hierfür ist die veränderte Arbeitsweise im limbischen System und die reduzierte Verarbeitung im Frontalgehirn. Im aktiven ersten Teil des Stresszustandes reagiert das limbische System Reizgesteuert und die Aufmerksamkeit dient dem Überleben. Sprache verstehen gehört nicht unbedingt zur Überlebensstrategie und ist daher weniger wichtig und wird als Priorität abgestuft. Wenn dieser Stresszustand länger anhält, also chronisch wird, merken Betroffene, dass sie schlechter verstehen, leichter von Geräuschen gestört oder abgelenkt werden und sie sich schlecht in Gesprächen konzentrieren können. Stress kann die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen und stören. Die Fähigkeiten sich zu konzentrieren, zu verarbeiten und zu lernen sind stark reduziert. Um eine AVWS oder eine Hörentwöhnung rückgängig zu machen müssen die neuronalen Prozesse mit gezielten Impuls-Neurostimulation- also einem Hörtraining reorganisiert werden und neue Verknüpfungen müssen erstellt werden. Durch gezielte Impulse, kann das Gleichgewicht zwischen An- und Entspannung wieder ins richtige Verhältnis gesetzt werden. Künstlicher Stress wird erzeugt- also eine gezielte Anspannung. Anschließend wird eine gezieltes Entspannungssignal gesetzt. Dadurch wird das Stressniveau sukzessiv reduziert.
Impulstraining zur Wiederherstellung der Verarbeitungsprozesse
Man kann im limbischen System direkt Einfluss nehmen auf Wirkungsweisen im System bzw. Reaktionen erzeugen, in dem man gezielt den Sympathikus und Parasympathikus an triggert. Alle Sinneswahrnehmungen üben direkten Einfluss auf das limbische System aus. Man kann Zum Beispiel durch hitzereize und kältereize Impulse zur Muskelentspannung setzen. Das gleiche wird in der Farbtherapie gemacht über das sehen oder mit Gerüchten über die Geruchstherapie .
Oder man nimmt das Schlüsselloch „Ohr“ um die Reizmuster im limbischen System zu setzen. Was wir hören beeinflusst unser Gemüt. Regt uns auf oder beruhigt uns. Beim Audio-Impulstraining wird ein künstlicher „Hörstress“ erzeugt, nämlich durch die Veränderung der Hörwahrnehmung (klanglich, zeitlich, etc.) und hinterher wird eine gezielte Entspannung durch Klangtherapie mit Naturgeräuschen angeregt. Also aktivierende Reize auf den Sympathikus und beruhigende Impulse für den Parasympathikus. Sprachmuster haben im Gehirn schon immer erhöhte Aufmerksamkeit bekommen und regen insbesondere die Aufmerksamkeit an, wenn sie klanglich verändert sind.
Naturgeräusche haben von jeher eine beruhigende Wirkung, da sie dem ersten Geräusch, dass wir hören konnten, ähneln nämlich dem Geräusch im Mutterleib: Rauschen und Gluckern. Daher fahren wir gerne in den Urlaub an Orte wo es rauscht oder gluckert.
Neuronale Reorganisation
Durch diese Reizprofile von An- und Entspannung wird ein neuronaler Prozess der Reorganisierung eingeleitet. Hier muss nämlich das Gehirn überprüfen warum die Sinneswahrnehmung „Hören“ nicht den gewohnten Mustern folgt und Klang, Zeit und Raumeffekte sowie Veränderungen der Sprach und Hörmuster erfolgt sind. Das Gehirn ist wie ein großes Rechenzentrum bzw. arbeitet wie ein Computer und agiert auf errechneten und gelernten Parametern. Passen die nicht mehr, weil sich das Setup geändert hat, wir ein Überprüfungsprozess eingeleitet und alle Parameter überprüft und angepasst.
Ein Lernfenster wird für eine bestimmte Zeit geöffnet. Man könnte das mit der Bildung einer SOKO bei der Polizei vergleichen, die die Aufgabe hat einen bestimmten Fall genau zu untersuchen und alle Ressourcen zur Aufklärung zu bündeln. Ein Lernfenster öffnet sich je nach Alter und Lernziel für ein paar Wochen oder Monate und in der Kindheit auch für Jahre und schließt sich dann wieder. Außerhalb dieser Lernfenster kann nur mit sehr viel Wiederholung etwas gelernt werden. Innerhalb eines Lernfensters geht lernen schnell und Prozesse können in relativ kurzen Zeitabschnitten gelernt und etabliert werden. Im Bereich Hören bei Erwachsenen besteht ein Lernfenster meist für 6 bis maximal 18 Wochen und je älter man wird, desto kleiner werden diese Lernfenster.
Neue Gedächtnisspuren erzeugen
Lernen, Wahrnehmen, Denken, Erleben, Fühlen und Handeln hinterlässt eine Gedächtnisspur. Damit ist die physiologische Spur, die eine Reizeinwirkung als dauerhafte strukturelle Veränderung im Gehirn hinterlässt gemeint. Nach jedem Lernvorgang entsteht eine Gedächtnisspur. Beim Lernen wird die synaptische Übertragungsstärke zwischen den Neuronen im Netzwerk verbessert, neue Verknüpfungen im Gehirn geschaffen und so das Netzwerk erweitert. Das Erinnern wird besser. Abgespeicherte Information können leichter abgerufen werden. Je öfter diese Spur benutzt wird desto effektiver die Gedächtnisleistung.
Wenn man sich also falsche Gedächtnisspuren aneignet aufgrund von Veränderungen wie Hörverlust und Stressadaption, ist es nicht verwunderlich, dass wir Zeit brauchen und Aufwand betreiben müssen, um diese falsch etablierten Gedächtnisspuren aufzubrechen und neue Gedächtnisspuren zu legen, trainieren und etablieren, also zu konditionieren.
Richtiges Hören konditionieren
Bei jeder Hörgeräteanpassung öffnet sich ein Lernfenster, denn durch das Hörgerät verändern wir das Hör- Setup. Üblicherweise beginnt dann auch ein Lernprozess bei dem das Gehirn alles neu einordnen, bewerten, filtern und priorisieren lernen muss auf Basis noch bestehender oder bereits sehr lückenhafter Hörverarbeitungsstrukturen.
Diese kann man „unbeaufsichtigt“ sich selbst überlassen, dann dauern diese Gewöhnungsprozesse 6 Wochen bis zu 12 Monaten je nachdem ob keine oder eine Hörentwöhnung vorliegt und wie schwerwiegend diese dann ist. Gelernt wird dann bei einem „unbegleiteten“ Prozess nach „Trial and Error“ (Versuch und Irrtum) im Alltag durch erlebte Hörsituationen. Dies setzt aber voraus, dass das Hörgerät täglich für mehrere Stunden getragen wird. Das ist viel verlangt, wenn das Hören noch nicht so klappt und Viele Hörgeräteträger geben in dieser Zeit auch auf.
Da durch das Hörgerät aktivierende Impulse gesetzt werden, also der Sympathikus aktiviert wird, ist es leicht die Hörprozesse durch gezieltes Hörtraining richtig und vor Allem schnell zu etablieren. Mit abgestimmten Höraufgaben, die die Verarbeitungsstrukturen anregen und die laterale Verknüpfung stärken, kann eine Gewöhnung trotz Hörentwöhnung in 4 bis 6 Wochen geschafft werden. Neue und dauerhafte Gedächtnisspuren können konditioniert und etabliert werden.
Wenn man dann noch den Parasympathikus mit beruhigenden Impulsen stimuliert, kann erlerntes besser abgespeichert werden und das Stresszentrum zurückgesetzt werden.
Dies gilt natürlich nicht nur für die Anpassung von Hörgeräten oder zur Überwindung von Hörentwöhnung sondern natürlich für fast alle Hörverarbeitungsstörungen.
Fazit
Das Audio-Impulsverfahren als Grundlage für ein Hörtraining zur Beseitigung von Hörstörungen jeglicher Art wirkt nicht nur lernförderlich sondern auch stressreduzierend.
Durch die regelmäßige Anwendung können neue kognitive Verarbeitungsrituale etabliert und konditioniert werden. Tinnitus wird in der Wahrnehmung abgemildert, Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen können behoben werden, Hörentwöhnung kann entgegengewirkt werden, Stress wird reduziert, Schlafrituale können neu etabliert werden. Die Einsatzbereiche sind vielfältig.
Literatur/ Einzelnachweise und Quellen
https://www.netdoktor.at/laborwerte/adrenalin-8444#:~:text=Adrenalin%20ist%20wie%20Noradrenalin%20ein%20Stresshormon%2C%20dessen%20Aufgabe,Flucht%20zu%20bef%C3%A4higen.%20Es%20besitzt%20ein%20breites%20Wirkungsspektrum.
https://www.bzk-online.de/bornaviren/limbisches-system/
https://www.landeskrankenhaus.de/aktuelles/projekte-im-landeskrankenhaus/zentrum-fuer-psychische-gesundheit-im-alter-zpga/praevention-psychischer-erkrankungen-im-alter#:~:text=Eine%20spezifisch%20menschliche%20Besonderheit%20findet%20sich%20zudem%20im,Verlust%20der%20betreffenden%20Areale%20beeintr%C3%A4chtigte%20F%C3%A4higkeiten%20wiedererlernen%20konnten.
https://www.welt.de/wissenschaft/article120646901/Warum-uns-komprimierter-Digitalklang-so-nervt.html
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