Fridays for Silence – Die Verkehrswende als Lärmwende und was das für die Hörakustik bedeutet

Es war ein beeindruckender Anblick, als Ende Februar zehntausende Menschen durch die Hamburger Innenstadt zogen. Unter dem Motto „Fridays for Future“ forderten vor allem junge Menschen lautstark, endlich nachhaltige Politik zum Schutz des Klimas zu betreiben. Mit dabei: Greta Thunberg, die derzeit wohl bekannteste Klimaschützerin. Doch ähnlich beeindruckend, wie der Anblick der Menschenmasse, war der Lärm, den sie verursachte. Dabei protestieren alle Teilnehmer der Fridays for Future-Bewegung rund um den Globus letztlich auch gegen Lärm. Doch leider wird das nie thematisiert!

Wahlen für das Klima

Zwei Tage nach der großen Demonstration fanden in Hamburg Wahlen statt und die Grünen konnten die Anzahl ihrer Stimmen nahezu verdoppeln. Der CDU, der FDP und der AfD liefen die Wähler dagegen scharenweise davon. Nicht zuletzt die Klimapolitik der Grünen war es, der die Partei ihren Erfolg verdankt. Doch wenn von der Eindämmung des Straßen-, Flug- und Schiffsverkehrs gesprochen wird, dann stets im Zusammenhang mit CO2-Ausstoß, Klimaerwärmung und dem daraus resultierenden Anstieg der Meeresspiegel.

Lärm: zweithäufigste Ursache für emissionsbedingte Krankheiten

Ja, die Luftverschmutzung macht uns in der Tat krank. Doch worüber niemand spricht ist, dass Lärm die zweithäufigste Ursache für emissionsbedingte Krankheiten ist, gleich nach Luftverschmutzung. Damit ist nicht nur die Schädigung der sensiblen Haarzellen in unseren Ohren gemeint. Die Wirkung des Verkehrslärms reicht von erhöhtem Depressionsrisiko, über Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bis hin zu einer höheren Sterblichkeit. Lärm kann tödlich sein!

Doppelt dicke Luft in Deutschland

Deutschland verletzt nicht nur die Anforderungen der EU an die Senkung der Schadstoffwerte in Ballungsräumen. Die Richtwerte für die Lautstärke des Verkehrslärms werden ebenfalls überschritten. Das könnte demnächst sogar zu einer Klage der EU gegen Deutschland führen, ähnlich der gegen erhöhte Feinstaubwerte aus dem Jahr 2018. Einer aktuellen Umfrage des Statistischen Bundesamts zufolge fühlt sich mehr als jeder vierte Deutsche durch Lärm belästigt – das ist der höchste Wert in der gesamten EU! Unsere Luft ist also doppelt verpestet: Durch Feinstaub und durch unerwünschte Schallwellen.

Gesundheitsgefährdung durch Politik und Automobil-Lobby

Jahrzehntelang vertraten deutsche Politiker die Interessen der Automobillobby und haben uns Bürger damit den größten Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Angeblich wollte man Arbeitsplätze wahren und den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken. Doch hätte man die Milliarden von Euro, die jetzt mit Strafzahlungen für manipulierte Dieselmotoren verbrannt werden, stattdessen in nachhaltige und geräuscharme Elektroantriebe investiert, stünde es jetzt wohl um unsere Gesundheit und die Wirtschaft besser.

Sauber und leise mit Elektromobilität

Dank Fridays for Future und dem allgemeinen Interesse am Weltklima haben wir nun die einmalige Chance, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Elektroantriebe für Autos und Busse werden nicht nur für deutlich geringere Feinstaubwerte sorgen, sondern sie werden auch die Geräuschkulisse unserer Städte für immer verändern. Wo momentan das Brausen von Verkehr herrscht, wird Ruhe einkehren. Städte werden zu lebenswerteren Orten werden und Anlieger von Autobahnen werden ihren Frieden zurück gewinnen. Doch was bedeutet das für Sie als Hörakustiker und für Ihre Kunden?

Die Geräuschwelt der Elektroautos

Ganz lautlos geht es auch in der Elektromobilität nicht – und das ist gut so! Denn die Gefahr unhörbar herannahender Autos für Fußgänger wäre beim Überqueren von Straßen viel zu groß, erst recht für solche mit Hörproblem. Elektroautos machen zwar schon alleine durch das Abrollen der Reifen und durch den Luftwiderstand Geräusche, doch die sind erst ab einer Geschwindigkeit von 50 km/h so gut zu hören wie die von Autos mit Verbrennungsmotor. Daher schreibt die EU vor, dass Elektromobile mit „autoähnlichen“ Tönen warnen müssen.

Hörgeräte als Warnsystem im Straßenverkehr

Auf diese veränderte Geräuschkulisse müssen Hörgeräte eingestellt sein, wenn Sie Ihre Kunden nach einer Anpassung auf die Straße schicken. Das Richtungshören sollte nicht durch eine frontale Ausrichtung der Mikrofone eingeschränkt werden. Vorsicht also mit automatischen Programmen für Sprache im Störgeräusch, die das Richtfeld eingrenzen. Auch die Unterdrückung von Störgeräuschen kann Elektroautos zur Gefahr werden lassen. Befindet sich Ihr Kunde im Freien, sollte er alles um sich herum hören können – egal ob es sich um einen elektrischen Antrieb oder einen Verbrennungsmotor handelt. Wie bei jeder Technik, kommt es auch bei Hörgeräten auf eine sachgemäße Anwendung an. Verhelfen Sie ihren Kunden dazu, indem Sie ihnen die Thematik erklären und darauf hinweisen, besonders achtsam zu sein, wenn sie sich im Straßenverkehr bewegen. Helfen kann gegebenenfalls ein manuell wählbares Programm, das auf Störgeräuschunterdrückung und eine frontale Richtcharakteristik verzichtet. Denn nicht nur Lärm kann tödlich sein, sondern auch überhörte Gefahren.


Titelbild: Foto: AP/Antonio Calanni