Die Ruhe nach dem Sturm: Was unser Gehör von Corona lernen kann

An einem sonnigen Tag Ende Märze spaziere ich mit unserem Hund durch den Hamburger Stadtpark. Doch anders, als an den ersten schönen Frühlingstagen der Vorjahre, sind die Wiesen und Wege relativ leer. Die Menschen halten Abstand voneinander. Man geht zu zweit oder alleine. Es ist der Frühling, in dem die Corona-Pandemie die Welt lahmlegt.

Hinhören lohnt sich

Allerdings sucht man nicht nur größere Menschengruppen vergebens. Am blauen Himmel sind auch keine Kondensstreifen zu sehen. Es lohnt sich, genau hinzuhören. Kein Heulen von Flugzeugturbinen überdeckt den Frühlingsgesang der Vögel. Die Straßen brausen nicht wie gewohnt nonstop, sondern zwischen vereinzelten Fahrzeugen gibt es immer wieder Ruhepausen. Zum ersten Mal in diesem Jahrtausend können wir uns vorstellen, wie die Welt in vergangenen Zeiten geklungen hat. Wir erleben durch Corona die Ruhe nach dem lärmenden Sturm der Zivilisation.

Von Jahrhunderten der Stille zum Zeitalter des Alltagslärms

Der alltägliche Lärm, wie wir ihn aus den Zeiten vor Corona kennen, ist eine sehr neue Erfindung der Menschheitsgeschichte. Lange waren die lautesten Geräusche Naturlaute, wie das Donnern bei Gewitter oder das Tosen von Wasserfällen. Diese waren nur vereinzelt zu hören. Über Jahrhunderte waren die mächtigsten menschengemachten Geräusche das Läuten von Kirchenglocken und Explosionen von Schießpulver, doch die hörte man vergleichsweise selten. Überwiegend herrschte Ruhe. Werfen wir einen akustischen Blick in die Vergangenheit.

 

Geräuschumgebung im Mittelalter

Wie im Diagramm zu sehen, bestand im Mittelalter der größte Teil der Klänge aus Naturgeräuschen. Der zweitwichtigste Klangeindruck waren menschliche Laute. Künstliche Geräusche, wie beispielsweise Kirchenglocken, der Hammer des Schmieds oder Kutschenräder, machten nur fünf Prozent aus¹. Ganz anders sieht das heute aus.

 

Geräuschumgebung heute

Wie wir hier sehen können, hat sich das Verhältnis von künstlichen Klängen und Naturgeräuschen heutzutage nahezu umgekehrt! Lediglich der Anteil menschlicher Laute ist gleichgeblieben. Kurz gesagt: Der größte Teil dessen, was unsere Ohren Tag für Tag wahrnehmen, besteht aus künstlichen Geräuschen.

Vier Räder und zwei Flügel, die den Lärm in unseren Alltag brachten

Ein ganz wichtiger Faktor dabei ist der Verkehrslärm, der seinen Ursprung in der Erfindung der dampfgetriebenen Eisenbahn im Jahr 1825 hatte. Im Jahr 1886 präsentierte Karl Benz den ersten Kraftwagen mit Verbrennungsmotor und von dort an verbreitete sich der Lärm rasend schnell in den Städten. Zu dem Radau von Zügen und Pkws kam später noch das Getöse der Flugzeuge. Selbst Vögel singen in Großstädten mittlerweile lauter, um im Verkehrslärm von Artgenossen gehört zu werden². Doch wir Menschen muten unseren Ohren heute noch mehr zu, und zwar in Form von digitaler Technik.

Dauerbeschallung durch Kopfhörer

Waren lange Zeit das TV und die Stereoanlage lediglich zuhause für Musik- und Medienberieselung zuständig, so ist sie heute allgegenwärtig. In den Zügen, in den Bussen, auf der Straße: Überall laufen Menschen mit Kopfhörern herum, die ihre Lieblingssongs hören oder andere Medieninhalte streamen. Um den Umgebungslärm zu übertönen, werden häufig gefährlich hohe Lautstärken gewählt. Gerade Teenager gönnen ihren Ohren nur noch selten Pausen und das hat ganz konkrete Auswirkungen auf ihre Hörgesundheit. Bereits im Jahr 2016 gab die BARMER-Krankenkasse bekannt, dass die Zahl der Verordnungen von Hörgeräten im Alter von 15 bis 35 Jahren in den Vorjahren um fast ein Drittel zugenommen hat. Dabei haben Teenager sogar die Altersgruppe der 21- bis 35-Jährigen überholt³. Dank Smartphone und Co. nehmen wir in unserer ohnehin schon zu lauten Welt zusätzlichen Lärm überall mit hin.

Bewusstsein für Lärm schaffen

Zynisch gesagt, ist es für die Hörakustikbranche eigentlich eine gute Nachricht, dass es in Zukunft nicht an potenziellen Kunden mangeln wird. Doch wir alle sollten besser dafür Sorge tragen, dass künftige Generationen nicht unbedingt vor dem Eintreten der normalen Altersschwerhörigkeit Hörakustik-Fachgeschäfte aufsuchen müssen. Es sei denn, um sich für Konzert- und Diskotheken-Besuche einen Gehörschutz anpassen zu lassen, oder um sich hochwertige Ohrenstöpsel zu kaufen. In Clubs werden die Ohren der jungen Leute nicht selten mit Laustärken von 100 Dezibel und mehr ausgesetzt. Schon fünfzehn Minuten ohne Gehörschutz können hier reichen, um potenziell einen Gehörschaden zu riskieren4.

Die Ruhe nach dem Sturm als Chance

So fatal die Corona-Krise auch ist, immerhin schont sie unsere Ohren in zweierlei Hinsicht. Einerseits, weil der Flug-, Schienen- und Straßenverkehr viel weniger lärmt. Aber auch, weil keine Massenveranstaltungen stattfinden, in denen gefährlich hohe Lautstärken auf das Publikum abgefeuert werden. Vielleicht ist diese Verschnaufpause für unser Gehör eine gute Gelegenheit, um jüngeren Generationen den Wert von Ruhe zu vermitteln und sie im Umgang mit Kopfhörern dafür zu sensibilisieren, dass Smartphones und MP3-Player niemals bis zum Anschlag aufgedreht werden sollten.

1 Wagner, W. (2006). Hören im Mittelalter – Versuch einer Annäherung. In V. Bernius, P. Kemper, R. Oehler, & K.-H. Wellmann, Der Aufstand des Ohrs – die neue Lust
2 Kocks, N. (Autor). (2015). Lauter als die Polizei erlaubt.
3 BARMER. (4. Oktober 2016). Junge Menschen tragen immer öfter Hörgeräte. Von www.barmer.de: https://www.barmer.de/presse/bundeslaender-aktuell/thueringen/archiv-pressemitteilungen/archiv-2016/pm-hoerhilfen-79348
4 sengpielaudio. (18. Mai 2018). Schalldruckpegel (SPL) und zulässige Einwirkungszeit bei Lärm Richtlinien für Lautstärke und Einwirkdauer − also nicht allein der zulässige Schallpegel −. Von www.sengpielaudio.com: http://www.sengpielaudio.com/ZulaessigeEinwirkungszeit.htm