Unterschiedliche Gesundheitsrisiken: Warum Lärm nicht gleich Lärm ist

In dem Blogbeitrag Die Ruhe nach dem Sturm: was unser Gehör von Corona lernen kann haben wir uns damit befasst, wie sich unsere alltägliche Geräuschumgebung in den letzten Jahrzehnten von natürlicher Ruhe zu einem Dauerlärm von künstlichen Geräuschquellen entwickelt hat. Autos und Züge brausen an uns vorbei, und Flugzeuge dröhnen über uns hinweg. Doch was genau bedeutet das für unsere Gesundheit?

Je lauter die Umgebung, desto schneller altern die Ohren

Zunächst einmal schädigt Lärm natürlich die Haarzellen in unseren Ohren. Neben Nervenzellen sind das die einzigen Zellen im gesamten menschlichen Körper, die sich nicht erneuern. Was wir Altersschwerhörigkeit nennen, ist daher letztlich nichts anderes als Verschleiß. Je größer dieser Verschleiß, desto höher das so genannte Höralter. Doch sind die Ohren von Menschen, die in lauten Regionen wie Großstädten leben, dann sozusagen „älter“ als die von Bewohnern ruhiger Gegenden? Tatsächlich belegt das eine Studie aus dem Jahr 20181.

Stadtbewohner hören schlechter

Eine Auswertung von 200.000 international durchgeführter Hörtests ergab, dass das Höralter von Menschen in Großstädten weltweit im Durchschnitt um 14 Jahre höher liegt, als es sein sollte. Gemeint ist, dass beispielsweise ein Vierzigjähriger in einer lärmenden Stadt so schlecht hört, wie ein gesund gealterter Mittfünfziger in einer ruhigen Region. Ein trauriger Höhepunkt ist die Stadt Delhi in Indien, wo das Höralter im Schnitt um mehr als 19 Jahre zu hoch ist. Doch auch deutsche Großstädte schneiden nicht gut ab, wie die folgende Übersicht zeigt:

Die acht deutschen Großstädte mit dem höchsten Höralter:

1. Berlin: +12,87 Jahre
2. Frankfurt am Main: +12,78 Jahre
3. Düsseldorf: +12,56 Jahre
4. Stuttgart: +12,46 Jahre
5. München: +12,02 Jahre
6. Köln: +12,01 Jahre
7. Hannover: +11,98 Jahre
8. Hamburg: +11,46 Jahre

 

Lärmschäden: Der Klang macht den Unterschied

Welche Folgen Schwerhörigkeit für die Betroffenen hat, erleben Hörakustiker in ihrer alltäglichen Praxis. Doch der allgegenwärtige Verkehrslärm, der die Ohren vorzeitig altern lässt, hat noch ganz andere Auswirkungen. Tatsächlich bringt der Krach, den Autos, Züge und Flugzeuge verursachen, jeweils unterschiedliche Gesundheitsrisiken mit sich. Als ganz besonders schädlich hat sich der Fluglärm erwiesen.

Giganten am Himmel belasten das Herz

Menschen, die in flughafennahen Regionen leben, haben nachgewiesenermaßen ein um mehr als 50 Prozent höheres Risiko für Herzrhythmusstörungen². Und zwar in einem Ausmaß, das die Sterblichkeit deutlich erhöht. Doch nicht nur das: pro 10 dB mehr an Fluglärm nimmt das Risiko, an Depressionen zu erkranken, um 8,9 Prozent zu. Das heißt, bei 30 dB mehr an Lärmbelastung haben wir es mit einem um mehr als 26 Prozent erhöhten Depressionsrisiko zu tun. Sogar das Brustkrebsrisiko von Frauen steigt in von Fluglärm belasteten Gebieten³. Besonders schädlich ist Fluglärm in der Nacht, weshalb führende Experten sich seit Jahren für ein generelles Nachtflugverbot einsetzen. Doch wir sollten den Pkw- und Schienenverkehr nicht außer Acht lassen, wenn es um Gesundheitsrisiken geht.

Pkw und Bahn drücken auf die Stimmung

Für die Hohe Grundlautstärke in den Großstädten sind vor allem Pkws verantwortlich. Das ist gerade in Kulturen der Fall, wo gerne und viel gehupt wird. Ein kanadischer Klangforscher hat sich die Arbeit gemacht, Hupgeräusche in internationalen Großstädten zu zählen. Während man in Wien entspannte 64 Hupen pro Stunde zählte, waren es in Kairo – einer der fünf lautesten Städte der Welt – 1.150 Hupen4! Nicht nur die Ohren altern dadurch schneller, auch die Psyche zahlt ihren Preis: Das Depressionsrisiko nimmt pro 10 dB an Straßenlärm um 4,1 Prozent zu. Bei Bahnlärm sind es immerhin 3,9 Prozent. Bei allen drei Verkehrslärmquellen – Flugzeug, Pkw und Bahn – kommt es zu einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko und zu Schlafstörungen, wobei Fluglärm in allen Rubriken mit Abstand die Nase vorn hat.

In der Ruhe liegt die Kraft

Ich selbst lebe in Hamburg, einer Großstadt, in der das durchschnittlich Hörhalter um mehr als 11 Jahre zu hoch ist. Ich muss gestehen, ich habe es im Laufe der Kontaktsperren für Corona sehr genossen, dass keine Flugzeuge über den Stadtpark donnerten und dass der Hintergrundlärm der Straßen sich in Grenzen hielt. Aktuell redet alle Welt über Lockerungsmaßnahmen und eine schrittweise Rückkehr in die Normalität. Muss normal aber automatisch laut bedeuten? Ich hoffe, nein.

Horchen in Richtung Zukunft: Die neue Normalität

Vielleicht sind nun durch Corona die Zeiten vorbei, in denen wir mit größter Selbstverständlichkeit zu Spottpreisen Inlandsflüge buchten und mit Billigfliegern um die Welt jetteten. Das mag ein Paukenschlag für die Flugbranche und für reisefreudige Weltenbummler sein, für unsere Ohren ist es allerdings eine Wohltat. Und nicht nur für sie: Es werden auch deutlich weniger Menschen an Herzkrankheiten sterben und unter Depressionen leiden. Langfristig wird hoffentlich auch das durchschnittliche Höralter in Großstädten auf ein gesundes Maß sinken. Tragen wir also alle unseren Teil dazu bei, dass die neue Normalität nach Corona nicht lauter wird, als unbedingt nötig.

 

1 Mimi. (3. Juni 2018). Weltweiter Hörindex. Von www.mimi.io: https://mimi.io/de/hearingindex/
2 Hahad, O., Beutel, M., Gori, T., Schulz, A., Blettner, M., Pfeiffer, N., . . . Münzel, T. (29. März 2018). Annoyance to different noise sources is associated with atrial fibrillation in the Gutenberg Health Study. International Journal of Cardiology, S. 79-84.
3 Guski, R., & Schreckenberg, D. (2015). Verkehrslärmwirkungen im Flughafenumfeld, Band 7: Gesamtbetrachtung des Forschungprojekts NORAH. Kelsterbach: Gemeinnützige Umwelthaus GmbH.
4 Schafer, R. M. (2002). Anstiftung zum Hören. Hundert Übungen zum Hören und Klänge Machen. Aarau, Schweiz: HBSNepomuk.