Konnektivität neu denken oder wie der perfekte TV-Streamer aussehen könnte

Mögen Sie Kabelsalat? Ich muss gestehen, ich nicht. Obwohl ich ein Technik-Freak bin, würde ich gerne auf das Kabelgewirr auf meinem Schreibtisch verzichten, das Sie auf dem Bild oben sehen. Dennoch bin ich heilfroh, endlich eine Lösung gefunden habe, meine Hörgeräte nach meinen Vorstellungen über Bluetooth zu bespielen. Ich frage mich, warum die Hörgerätehersteller das nicht hinbekommen – und zwar ohne Kabelsalat. Am besten auch gleich so, dass Technik-Laien es einsetzen können. Man bräuchte lediglich ein kleines Kästchen mit den entsprechenden Funktionen. Lassen Sie uns in einem Gedankenspiel doch einmal den Prototyp des ultimativen Bluetooth-Streamers entwickeln!

Ein Fall für zwei (bei nur einem Audiokanal)

Doch der Reihe nach: Wo liegen die Probleme der TV-Streamer auf dem Markt? Wie der Name sagt, dienen TV-Streamer natürlich in erster Linie dazu, den Ton vom TV auf die Hörgeräte zu senden. Diese Funktion kann ganze Ehen retten, wenn der schwerhörige Partner und die normalhörende Hälfte endlich wieder gemeinsam fernsehen, ohne über die Laustärke zu streiten. Schließlich können die stolzen Besitzer bluetoothfähiger Hörgeräte ja die Lautstärke für sich separat regeln. Zumindest theoretisch, und hier liegt gleich die erste Tücke: Nicht alle Fernsehgeräte verfügen über zwei separate Tonausgänge. Wo soll der Streamer bei nur einem Ausgang also bitte angeschlossen werden?

Das Schweigen der Lautsprecher

Steckt man das Audio-Kabel vom Streamer direkt in den Kopfhörerausgang eines solchen Fernsehers, sind die Lautsprecher damit stumm gestellt und der Ehepartner hört gar nichts. Ein einkanalige TV-Gerät kann nur entweder den Kopfhörer-Ausgang bespielen, oder Geräte-Lautsprecher – nicht beides gleichzeitig. Mir ist derzeit kein TV-Streamer eines Hörgeräteherstellers bekannt, der mit Bordmitteln in der Lage wäre, dieses Szenario zu lösen (sollten Sie einen kennen, schreiben Sie mir gerne über www.thomas-suender.de). Die einzige Option ist dann, das TV-Gerät an eine zusätzliche Audioquelle anzuschließen, die mehrere Tonausgänge hat, beispielsweise an eine Stereoanlage oder an einen Audio-Receiver.

Teurer Spaß

Die Anschaffung einer Stereoanlage eigens zum Fernsehen ist allerdings viel verlangt von jemandem, der gerade mehrere Tausend Euro Zuzahlung für bluetoothfähige Hörgeräte geleistet hat und dann noch einmal zwischen 100 bis 200 Euro für einen Streamer hingeblättert hat. Außerdem wird das Problem durch die heimische Stereoanlage nur bis zur nächsten gemeinsamen Reise vertagt. Wo dann im Hotel oder in der Ferienwohnung prompt ein TV-Gerät steht, das auch nur einen Audiokanal hat und das nicht an eine Stereoanlage angeschlossen ist. Dabei wäre die Lösung so einfach!

Lösung Teil 1: Integrierter HDMI-Splitter

Heutzutage werden TV-Geräte meistens von einem internetfähigen Gerät gespeist: dem Media-Receiver eines Netzanbieters (z.B. Telekom oder Vodafone), oder beispielsweise von einem Amazon Firestick, Sky Ticket-Stick oder Apple TV. Die Standardverbindung für die Übertragung von Bild und Ton erfolgt dann über eine einzige HDMI-Buchse. Um gar nicht erst auf die Zusatz-Audiokanäle eines Fernsehers oder einer angeschlossenen Stereoanlage angewiesen zu sein, müsste unser fiktiver TV-Streamer lediglich das Audio-Signal aus dem HDMI-Signal abgreifen. Genau das tut die längliche Box auf dem Foto.

Es ist eigentlich primär ein HDMI-Switch, der es mir ermöglicht, diverse HDMI-Quellen (mehrere Rechner, Firestick, usw.) mit einem einzigen Bildschirm zu verbinden. Gleichzeitig – und das ist der Clou für unser Gedankenmodell – löst er auch das Audio-Signal aus dem HDMI-Signal heraus und sendet es an einen unabhängigen Audio-Ausgang. Dreimal dürfen Sie raten, womit dieser Ausgang bei meinem Setup verbunden ist: natürlich mit dem TV-Streamer von Oticon. Das heißt, wenn ich die Eingabequelle per Knopfdruck wechsele, habe ich sofort den Ton der jeweiligen Audioquelle auch auf meinem Streamer, ohne das Kabel umstecken zu müssen. Ehe das Audiosignal beim TV-Streamer eintrifft, macht es noch einen kleinen, leider unvermeidlichen Umweg, doch dazu weiter unten mehr.

Erst Ton aus HDMI extrahieren, dann verdoppeln

Nehmen wir an dieser Stelle zunächst als Wunsch-Funktion unseres perfekten TV-Streamers auf, dass er Audio aus HDMI gewinnen soll. Wir brauchen für den Anfang lediglich einen HDMI-Kanal, da wir nicht zwischen mehreren Geräten wechseln, und sein Signal soll im Gerät verdoppelt werden. Eines der beiden Signale landet auf den Hörgeräten, das zweite wird per HDMI weiter an das TV-Gerät gesendet. Dort kann es dann ohne Verlust die Lautsprecher für den Ehepartner bespielen, unabhängig davon, was ich mit meinem Signal auf dem Streamer anstelle. Unsere magische Box braucht also mindestens einen HDMI-Eingang und einen HDMI-Ausgang. Für andere Szenarien, zum Beispiel den Anschluss an ein Laptop, sollte auch ein herkömmlicher koaxialer Audio-Eingang vorhanden sein. Schon haben wir das Problem eines TV-Geräts mit nur einem Audiokanal gelöst. Doch das stößt uns gleich auf das nächste Problem der gängigen TV-Streamer auf dem Markt. Es ist so banal, die Lösung so simpel, dass wirklich nicht nachvollziehbar ist, warum sie nicht bereits jetzt gleich seitens der Hörgerätehersteller „out oft he Box“ geliefert wird.

Die Legende von der eigenen Laustärke per App

Zugegeben: Über die Apps von Herstellern lässt sich das Bluetooth-Signal vom TV-Streamer in der Laustärke einstellen. Ich kann also tatsächlich „meine eigene Lautstärke“ für meine Hörgeräte unabhängig von dem des TV-Lautsprechers einstellen (vorausgesetzt ich habe das beschriebene Kanalproblem gelöst) und das ist schön und gut. Was eine solche App allerdings nicht bietet, ist Kontrolle über das Eingangssignal, das vom TV-Gerät oder, in unserem Fall, von der HDMI-Quelle im Streamer landet – und das ist fatal! Die Eingangsempfindlichkeit eines TV-Streamers bleibt nämlich immer gleich, egal wie laut das von der Quelle eintreffende Signal ist. Ist das Signal zu laut für die Eingangsbuchse des Streamers, setzt eine Audio-Kompression ein, die es herunter regelt. Was das für den Klang bedeutet, ist weniger schön.

Audio-Kompression für die Quetschkommode

So sinnvoll eine dynamische Kompression in einem Hörgerät für die Kontrolle über Umgebungsgeräusche sein mag: Innerhalb des Streamers kann sie kontraproduktiv sein. Denn erstens sorgt sie bei zu lautem Eingangspegel für den typisch gepressten, anstrengenden Klang einer permanenten Überkompression – was gerade in einem Action-Streifen mit Explosionen und dramatischer Musik eine Zumutung ist. Zweitens zieht die Dekompression die Laustärke wieder auf, sobald eine ruhigere Stelle in einem Film kommt. Wenn beispielsweise zwei Figuren in einer ruhigen Umgebung miteinander reden, schwellen in den Gesprächspausen harmlose Hintergrundgeräusche bedrohlich an, als würde sich ein Zug nähern. Um dann abrupt zu verstummen, sobald wieder eine Person in normaler Lautstärke redet, deren Stimme von der Kompression heruntergeregelt wird (und mit ihr die Hintergrundgeräusche). Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: das nervt gewaltig! Die einzige Lösung war für mich bisher, das TV-Gerät so leise zu machen, dass es unterhalb jener Schwelle blieb, ab der die Kompression einsetzt. Was wiederum die Lautstärke desjenigen Signals beeinträchtigt, das vom TV an unserer Stereoanlage ankommt und das linear an meinen Streamer weitergeleitet wird. Wenn meine Frau und ich gemeinsam fernsehen, müssen also TV und Stereoanlage immer wieder neu aufeinander abgestimmt werden. Ich halte dann die Fernsehfernbedienung in den Händen, und meine Frau die der Stereoanlage. Doch auch für dieses Dilemma gibt es eine einfache Lösung.

Lösung Teil 2: Totale Input-Kontrolle

Auf dem Bild sehen Sie ein kleines Kästchen mit einem Regler. Das ist nichts anderes als ein passiver Laustärkeregler, den ich zwischen den HDMI-Splitter und den TV-Streamer geschaltet habe. Denn: Wird ein Audio-Signal aus digitalen HDMI extrahiert, ist es immer maximal laut. Schließlich soll die eigentliche Laustärkeregelung ja im jeweiligen Fernseher erfolgen, und nicht in der Quelle, sei es ein Media-Receiver, ein Firestick oder ein Blueray-Player. Um also meinen Streamer nicht durch zu hohe Eingangslautstärke zum radikalen Komprimieren zu zwingen, regele ich mit dem zwischengeschalteten Gerät einfach die Eingangslautstärke herunter, und zwar ehe sie auf dem Streamer ankommt.

Standardmäßige Lautstärke-Absenkung

Dies ließe sich ganz einfach in unser fiktives Wunschgerät integrieren. Beispielsweise könnte das Signal beim Eintreffen in die Buchse des Streamers standardmäßig um 20-30 Prozent herunter geregelt werden, ehe es auf die Hörgeräte gestreamt wird. Dann ist keine Kompression nötig. Zusätzlich könnte der Anwender über seine App dann noch die Laustärke nachregeln (nicht zuletzt, da Netflix, Amazon und co. Je nach Abspielgerät unterschiedlich laut sein können). Und zwar, statt über die Output-Kontrolle des Streamers, über seine Input-Kontrolle. Denn HDMI ist ja immer maximal laut und wir brauchen folglich keine zusätzliche Verstärkung. Stattdessen haben wir die vordefinierten 20-30 Prozent Headroom zum lauter machen, und leiser machen können wir natürlich auch. Der Clou: Das alles können wir tun, ohne dass der zweite Kanal des Ehepartners für die Lautsprecher beeinträchtigt wird. Wir haben also endlich wirklich unsere eigene Laustärke auf unseren Hörgeräten.

Die Idee im Überblick

Fassen wir zusammen: Der perfekte TV-Streamer für Hörgeräte benötigt mindestens einen HDMI Eingang und einen Ausgang. Im Gerät wird das Audio-Signal aus dem HDMI-Signal abgegriffen und verdoppelt, ehe es vom Gerät samt Bild weiter in den Fernseher geschickt wird. Das zweite, gedoppelte Audio-Signal (ohne Bild) wird für die Hörgeräte standardmäßig um 20-30 Prozent in der Laustärke gesenkt. Noch besser wäre ein intelligenter Algorithmus, der das Signal analysiert, die Kompressionsschwelle ermittelt und die Lautstärke genau darunter regelt. Das sollten Hörgerätehersteller hinbekommen – schließlich können die von ihnen gebauten winzigen Hörgeräte so viel mehr als das. Unser Traum-TV-Streamer sollte dann auch im Urlaub funktionieren, denn in Hotels kommt das Signal natürlich ebenfalls per HDMI im TV-Gerät an. Man könnte den Streamer mit einem eigenen HDMI-Kabel zwischen das Kabel, das aus der Wand kommt, und das TV-Gerät schalten. Um auf Nummer Sicher zu gehen für andere Anwendungen, hat unser Traum-Streamer natürlich auch noch einen herkömmlichen Audio-Eingang für koaxiale Stecker (Cinch), wie gehabt.

Einige Anregungen zum Schluss

Wenn Sie ein Elektronik-Bastler sind und Lust haben, gemeinsam mit mir den Traum-Streamer (oder ein entsprechendes Zwischenadapter für den Anschluss an herkömmliche Streamer) zu entwickeln, melden Sie sich gerne. Ich habe zwar viele Ideen, kann aber leider keinen Lötkolben gerade halten, geschweige denn Technik selbst bauen. Bis es soweit ist und wir den perfekten, HDMI-tauglichen TV-Streamer auf dem Markt gebracht haben, hätte ich noch eine Anregung für die Hörgerätehersteller, um ihre aktuellen Geräte zu verbessern. Dafür sollte ein Software-Update reichen. Und zwar könnten die Streamer so eingestellt werden, dass ein rotes Licht aufleuchtet oder blinkt, wenn das Eingangssignal deutlich zu laut ist und komprimiert werden muss. Das gibt den Anwendern die Möglichkeit, die Audioquelle so weit herunter zu regeln, dass der Klang ihres Lieblingsfilms nicht kaputt komprimiert wird. Wenn es dann zu leise ist für den Ehepartner, ist das natürlich weniger schön – aber dann muss einer von beiden wohl eben doch ganz klassisch auf das Zweit-TV im Schlafzimmer ausweichen…