Out of the Box und direkt ins Ohr: Das Oticon EduMic

Der Weihnachtsmann kam bei mir in diesem Jahr überraschenderweise schon im Herbst. Er brachte ein Päckchen von Oticon mit einem kleinen, aber feinen Gerät. Das EduMic löst für mich ein großes Problem – auch wenn ich es ganz anders einsetze, als es eigentlich gedacht ist. „Out of the Box“ zu denken – also neue Anwendungen zu finden für bereits vorhandene Erfindungen – kann ganz neue Möglichkeiten eröffnen. So auch beim neuen EduMic. Doch der Reihe nach: Was ist das eigentlich und wofür ist es gedacht?

Ein Mikrofon und mehr als das

Zusammengefasst lässt sich sagen: Das EduMic ist eigentlich ein Mikrofon mit einer vielseitigen Bluetooth-Schnittstelle. Optisch ähnelt das EduMic dem bewährten Oticon ConnectClip, der als Verbindung zwischen Smartphone oder Tablet und Hörgeräten dient. Da meine Hörgeräte „Made for iPhone“ sind und ich ein solches verwende, sah ich nie die Notwendigkeit, den ConnectClip einzusetzen. Auch wenn freihändiges Telefonieren dadurch etwas einfacher würde: letztlich müsste ich dann immer ein zusätzliches Gerät mit herumschleppen, das auch geladen und gepflegt werden will.

Exkurs: Meine improvisierte „Freisprechanlage“ fürs Smartphone
Wenn ich freihändig telefonieren und mich dabei bewegen möchte, wende ich einen Trick an: ich hänge mir das iPhone um den Hals, und zwar mit dem Mikrofon nach oben. Dazu verwende ich eine Ausweishülle, die ich bei einer Konferenz erhalten hatte. An dieser Stelle eine Anregung an die Hörgeräteindustrie: Stellen Sie doch bitte schicke Hals-Etuis her, vielleicht aus robustem, dehnbarem Stoff, in die alle gängigen Smartphone-Modelle passen – schon hätten Sie das perfekte Kundenpräsent für Nutzer von Bluetooth-Hörgeräten und das bei minimalen Herstellungskosten!

Vorträge verständlich gemacht
Doch zurück zum EduMic:

Meine improvisierte „Freisprechanlage“ fürs iPhone
Sein Anwendungsgebiet ist ein anderes. Schwerhörige Schüler in Inklusionsklassen können die Lehrer bitten, es zu tragen (per Clip an der Kleidung oder beiliegendem Halsband), so dass die Sprache per Bluetooth direkt auf ihre Hörgeräte übertragen wird. Gleiches gilt natürlich für andere Szenarien, wie den Besuch von Vorträgen. Die wiedergegebene Sprachqualität ist exzellent und das Signal wird natürlich automatisch angepasst an die in den Hörgeräten eingestellte Hörkurve. Nun werden Sie vielleicht einwenden, dass der ConnectClip das auch kann – wozu also das EduMic? Hier kommen einige geniale zusätzliche Features zum Tragen.

Gruppentaugliche Verbindung von zwei Funktechnologien

Zunächst einmal kann das EduMic mit bis zu 20 Hörgeräten gleichzeitig gekoppelt werden – ein einziger Sprecher kann also bis zu 10 Hörer mit beidseitiger Versorgung erreichend, und zwar über eine Entfernung von sage und schreibe 20 Metern. Ein besonderer Clou ist, dass das EduMic mit einem zusätzlich erhältlichen FM-Adapter gleichzeitig mit einer bereits vorhandenen FM-Anlage verbunden werden kann. Das bedeutet zum einen, dass die Empfänger selbst keinen FM-Receiver an ihren Hörgeräten benötigen, da sie das Signal vom EduMic per Bluetooth erhalten. Zum anderen können dadurch natürlich mehrere Mikrofone für mehrere Sprecher eingesetzt werden, die mit der FM-Anlage gekoppelt sind. Ein einziges kleines Gerät ist also eine große Schnittstelle zwischen zwei Technologien (FM und Bluetooth) sowie beliebig vielen Mikrofonen und bis zu 20 Hörgeräten. Das ist schon sehr beachtlich. Der Haken ist: es funktioniert nur mit Oticon-Hörgeräten. Aber das ist aus Sicht des Herstellers natürlich nachvollziehbar. Kommen wir nun zu dem Teil, an dem das „Out of the Box“-Denken anfängt und wo es für mich spannend wird.

Eine Buchse, die das Leben verändert
Das ultimative Feature am EduMic ist für mich etwas, das im kabellosen Zeitalter zunächst etwas altmodisch wirken mag: eine 3,5 mm Stereo-Klinken-Buchse. Denn dadurch wird das Gerät wirklich universell einsetzbar. Buchstäblich jede Audioquelle kann daran angeschlossen werden, zur Not mit einem Adapterkabel (z.B. große Klinke oder Cinch auf kleine Klinke). Eigentlich ist diese unscheinbare Buchse dafür gedacht, beispielsweise in der Schule bei einem Filmvortrag an den Video-Beamer angeschlossen zu werden. Doch die Buchse löst für mich ein ganz anderes Problem: Bislang hatte ich keine Möglichkeit, meine Hörgeräte auf Reisen direkt mit meinem MacBook zu koppeln, da hier und auf anderen PCs ein inkompatibles Bluetooth-Protokoll verwendet wird.
Eine 3,5 mm-Klinke macht den Unterschied
Theoretisch wäre das mit dem TV-Streamer über den Kopfhörerausgang möglich, doch dieser ist für Reisen unhandlich und benötigt eine separate Stromversorgung. Das EduMic dagegen hat einen leistungsstarken Akku – und es ist klein und leicht. Ich verbinde es einfach mit dem Kopfhörerausgang des Rechners, schalte es ein und schon werden meine Hörgeräte zu Bluetooth-Kopfhörern!

Nie wieder Kopfhörer auf Reisen

Ich arbeite viel auf Reisen, vor allem im Zug. Ich gebe es zu: manchmal schaue ich auch einfach gerne einen Film im Bahnportal – und dank des EduMic kann ich hier endlich auf zusätzliche Kopfhörer verzichten. Im Zeitalter der Corona-bedingten Videokonferenzen bietet das EduMic den unschätzbaren Vorteil der Mobilität. Ich kann schnell in einen ruhigen Nebenraum gehen, ohne die Verbindung zu unterbrechen. Per App kann ich die Lautstärke regeln und beispielsweise die Umgebungsverstärkung der Hörgeräte deaktivieren, um mich ganz auf das gestreamte Signal zu konzentrieren. Weiterer Bonus: im Hotelzimmer kann der Fernseher nun ohne Aufwand oder zusätzliche Stromquelle ebenfalls direkt über den Kopfhörerausgang gestreamt werden. Wie lange der Akku genau hält, habe ich noch nicht herausgefunden, doch ganz sicher mehrere Stunden. Die Ladezeit beträgt 2,5 Stunden und sollte man das Nachladen einmal vergessen, ist das kein Beinbruch: das Gerät kann während des Betriebs über ein USB-Kabel geladen werden. Und wenn ich das Gerät schon einmal dabeihabe, kann ich es meinem Gesprächspartner im lauten Restaurant geben, um ihn besser zu verstehen. Im Vergleich zur Funktion „Live-Mithören“ des iPhones ist die Latenz des EduMic deutlich geringer, so dass Sprache und Lippenbewegungen synchron sind.
Mit dem EduMic kann ich auf Zugfahrten genießen, wie Tom Cruise die Welt rettet – ohne Kopfhörer!

Fazit: Das EduMic ist die eierlegende Wollmilch-Sau für mobiles Arbeiten – und noch dazu eine mächtige Schnittstelle für den Einsatz an Schulen, in Tagungsräumen oder in Kirchen und für alle Räumlichkeiten, die bereits mit einer FM-Anlage ausgestattet sind.