Warum die Ohren immer VOR gehen

Wenn Sie eines Ihrer Sinnesorgane opfern müssten, würden Sie dann eher auf die Augen verzichten oder auf die Ohren? Da wir heutzutage dank allgegenwärtiger Smartphone-Bildschirme in einer sehr visuellen Welt leben, dürfte die Antwort bei vielen Menschen zugunsten des Sehsinns ausfallen. Doch das ist reichlich kurz gedacht. Den wenigsten ist bewusst, dass die Ohren und die Augen eng zusammenarbeiten. Ohne Ihre Ohren könnten Sie diese Zeilen nämlich gar nicht mit Ihren eigenen Augen lesen!

Lesen ist geistiges Sprechen

Zuallererst sollten wir uns vergegenwärtigen, dass Schrift eine sehr neue Erfindung in der Menschheitsgeschichte ist. Erst seit etwa 5.300 Jahren sind wir in der Lage, Gehörtes in schriftliche Symbole zu verwandeln und damit für die Nachwelt zu erhalten1. Doch lange vorher gab es bereits das gesprochene Wort. Die Erfinder des Schreibens haben zunächst nichts anderes getan, als Sprache in Zeichen zu verwandeln. Ohne unsere Ohren und unser Gehör wäre also Schrift niemals erfunden worden. Und so funktioniert das Lesen in unseren Gehirnen tatsächlich heute noch: wir übersetzen unwillkürlich die Schriftzeichen zurück in Worte, die wir in gesprochener Sprache denken. Man könnte sagen, Sie lesen sich diese Zeilen gerade gedanklich selbst vor. Doch dass Sie überhaupt lesen können, verdanken Sie ebenfalls Ihren Ohren. Denn tatsächlich lenken diese gerade jetzt in diesem Moment den Blick Ihrer Augen.

Ein Reflex aus den Ohren steuert unsere Augen

Wenn Sie bei der Eingangsfrage „Augen oder Ohren opfern“ tatsächlich die Ohren gewählt haben sollten, hätten Sie nun ein weit größeres Problem, als „nur“ taub zu sein. In Ihren Ohren sitzt nämlich auch das Gleichgewichtsorgan. Sie wüssten jetzt also nicht, wo oben und unten, links und rechts ist. Und Ihre Augen wüssten nicht, wohin sie beim Lesen wandern sollen. Die wenigsten wissen, dass das Gleichgewichtsorgan in den Ohren die Augen in gewissem Umfang lenkt. Der so genannte Vestibulookuläre Reflex (der Einfachheit halber benutzen wir ab sofort die gebräuchliche Abkürzung VOR) sorgt dafür, dass Ihre Blickrichtung zur Position, Haltung und Bewegung Ihres Kopfes passt.

Das Ziel immer im Blick

Und das funktioniert so: Wenn Sie sich oder ihren Kopf in eine bestimmte Richtung bewegen, lässt der VOR Ihre Augen in die genau entgegengesetzte Richtung wandern. So war es in der Evolution des Menschen unseren Vorfahren möglich, beim Jagen ein Ziel im Blick zu behalten, während sie selbst sich vorwärtsbewegten. Ohne diese dem Sehen vorgeschaltete Leistung unserer Ohren würde das Bild vor unseren Augen bei jeder Bewegung wackeln, wie wir das von Filmen kennen, die mit Handkameras aufgenommen wurden.

Das machen unsere Ohren im Schlaf

Unsere Ohren schlafen nie. Deshalb funktioniert der VOR sogar dann, wenn wir bewusstlos sind. Mediziner verwenden dafür den Begriff „Puppenkopf-Phänomen“. Öffnet man einem liegenden Bewusstlosen die Augenlider und bewegt seinen Kopf hin und her, bewegen sich die Augen nicht mit, sondern blicken weiter starr nach oben. Wenn das nicht der Fall ist und sich die Augen doch mitbewegen, wissen die Ärzte, dass etwas nicht stimmt. Im schlimmsten Fall liegt ein Hirntod vor.

Warum Astronauten nicht gerne lesen

Was in wachem Zustand geschieht, wenn man den Gleichgewichtssinn in den Ohren verwirrt, konnte man bei Astronauten auf der internationalen Raumstation ISS messen. Man erfasste beim Lesen in der Schwerelosigkeit ihre Augenbewegungen und stellte fest, dass ihr Blick haltlos umhertorkelte2. Das Lesen in Schwerelosigkeit ist somit weit anstrengender als bei uns hier unten auf der Erde. Was unsere Ohren leisten, geht also weit über das Hören hinaus und wir dürfen nicht nur beim Lesen dafür dankbar sein. Denn eines sollte jedem Hörakustiker und auch jedem seiner Kunden klar sein: Die Ohren gehen VOR!

1Böttner, M., Lieb, L., Vater, C., & Witschel, C. (2017). 5300 Jahre Schrift. Heidelberg: Wunderhorn.
2Clarke, A. H. (5. Oktober 2017). Das Gleichgewicht des Menschen: Wo ist oben? Von www.esa.int: http://www.esa.int/ger/ESA_in_your_country/Germany/Das_Gleichgewicht_des_Menschen_Wo_ist_oben abgerufen