Hörgeräte für unter 300 Euro: wie die Apple AirPods Pro den Markt aufmischen

Kürzlich führte ich eine sehr interessante Diskussion mit einem älteren Herrn, der seinem Gefühl nach eine „leichte Hörstörung im Hochtonbereich“ hatte. Er sagte mit Apple AirPods Pro könnte er besser hören und verstehen als mit Marken-Hörgeräten, die er bei einer Hörakustikerin getestet hatte. Er fragte mich, was ich davon hielte – schließlich kosten AirPods Pro keine 300 Euro, Hörgeräte dagegen mehrere Tausend Euro. Was soll man dazu sagen?

Apple macht Ernst

Ich will ehrlich sein: Anfangs konnte ich mir die AirPods Pro nicht ansatzweise als Alternative für Hörgeräte vorstellen. Wie konnte es sein, dass der Herr seiner Meinung nach mit Kopfhörern besser hört als mit Hörgeräten? Natürlich kommt bei Hörgeräten die berüchtigte Hörentwöhnung zum Tragen. Das Gehirn muss sich erst einmal an den neuen Höreindruck gewöhnen. Aber wieso konnte der Mann von Anfang an mit den AirPods so gut Sprache verstehen? Ich begann über zu recherchieren und stellte fest: Apple meint es durchaus ernst mit dem Einsatz für Hörgeschädigte.

Patente aus der Hörgeräte-Branche

Es ist kein Geheimnis, dass Apple seit einiger Zeit Patente aus der Hörgerätebranche kauft, ebenso wie der Konkurrent Samsung. Dabei geht es unter Anderem um Technologien, die den Klangeindruck an die persönliche Hörkurve anpassen. Dazu muss diese aber zunächst einmal ermittelt werden. Der Königsweg wäre der professionelle Hörtest im Hörakustikfachgeschäft – wo aber verständlicherweise kein großes Interesse am Verkauf von AirPods als Alternative für Premium-Hörgeräte besteht. So gibt es aktuell einige Drittanbieter-Apps, mit denen ein Hörtest direkt am iPhone durchgeführt werden kann. Deren Qualität ist schon einmal das erste große Fragezeichen im Hinblick auf AirPods als Hörgeräte-Ersatz. Zwar werden Online-Hörtests immer besser, aber sie werden auf absehbare Zeit nicht den professionellen Hörtest im Fachgeschäft ersetzen.

Sprache im Fokus

Apple AirPods Pro passen nicht nur den Klang beim Streaming an, sondern sie besitzen Außenmikrofone mit aktivem Beamforming. So können die Träger Personen, die sich frontal vor ihnen befinden, besser verstehen. Es handelt sich also bei den AirPods Pro tatsächlich um ein Hörsystem mit Richtmikrofonie. Der Name dieser Funktion lautet Conversation Boost und das verrät auch schon, dass es sich nicht um eine vollwertige Hörverstärkung handelt. Hier steht eindeutig die Sprachverständlichkeit im Fokus. Umgebungsgeräusche können aktiv abgesenkt werden, was viele Nutzer dazu verleiten dürfte, zu viel von der Hörumgebung abzusenken. Anstatt das Gehirn an eine natürliche Geräuschumgebung zu gewöhnen, wie sie von Hörgeräten übertragen wird, wird also eine künstlich klingende Hörumgebung geschaffen. Das ist für eine nachhaltige Hörgewöhnung von Nachteil. Außerdem ist fraglich, wie genau die Sprache hervorgehoben wird. Apple erläutert die zugrundeliegende Technologie nicht, aber vermutlich handelt es sich ganz einfach um die Anhebung des Frequenzbereichs der Sprache per Equalizer. Damit wären die Airpods der komplexen Signalverarbeitung von Hörgeräten weit unterlegen.

Das viel zu große, weiße IdO

Anhand der hier geschilderten Nachteile der Apple AirPods Pro ahnen Sie sicher, was ich dem Herrn in der Diskussion oben mitgeteilt habe: Nämlich die Kopfhörer eben kein Ersatz für Hörgeräte sind. Dass der Herr den Klang der AirPods als besser empfand, führe ich darauf zurück, dass es mehr dem Gehör entspricht, an das er bereits gewöhnt war – nämlich dem eingeschränkten Gehör. Er zeigte mir sein Audiogramm und ich stellte fest, dass keineswegs eine geringe Hörbeeinträchtigung vorlag: der Verlust im Hochtonbereich lag ab 4 khz bei bis zu 90 Dezibel. In den tieferen Frequenzen war das Gehör tatsächlich noch sehr gut. Und auch das spricht gegen AirPods: diese sind nämlich nichts anderes als IdO-Geräte, die den Gehörgang komplett verschließen. Das heißt, die tieferen Frequenzen, die der Herr noch auf natürlichem Wege hören könnte, werden ebenfalls abgeblockt und dann über Mikrofone künstlich verstärkt. Ich habe ihm folglich zu einer offenen Versorgung mit einem HdO-Gerät geraten.

Kopfhörer wirken abschreckend

Zu guter Letzt fragte ich den Herrn: Möchten Sie wirklich den ganzen Tag lang mit auffälligen weißen Kopfhörern im Ohr herumlaufen? Dann würden die Mitmenschen doch zwangsläufig denken, dass man vermutlich gerade Medieninhalte streamt oder telefoniert und besser nicht angesprochen werden möchte. Kopfhörer wirken abschreckend! Ganz davon abgesehen, dass die AirPods natürlich nur zusammen mit einem iPhone funktionieren, welches man dann ebenfalls ständig mitschleppen muss.

Eine Frage der Power

Aber noch etwas ganz Banales spricht dagegen, den ganzen Tag AirPods zu tragen: Die Akku-Laufzeit wird von Apple mit gerade einmal 4,5 Stunden „Hörzeit“ angegeben. Das ist lächerlich wenig im Vergleich zu Hörgeräten mit modernen Lithium-Ionen-Akkus. Zum Vergleich: Meine Oticon More 1 trage ich durchschnittlich 13 Stunden täglich, von denen ich dank TV-Streamer und Smartphone 5 Stunden streame. Ich habe es trotz dieser anspruchsvollen Nutzung noch nicht geschafft, die Hörgeräte unter 20 Prozent Ladezustand zu bringen. Ich ziehe sie früh morgens an und lege sie spät abends ab, ohne zwischenzeitlich auch nur einen Gedanken an die Batterielaufzeit zu verschwenden. Hier zahlt sich aus, dass die Hörgerätehersteller eigene Prozessoren herstellen, die von Anfang an auf maximale Energie-Effizienz ausgelegt waren. Das hat Apple nie für nötig befunden.

Fazit

Apple hat ein Produkt auf den Markt gebracht, das einigen Kunden mit leichtem Hörverlust durchaus in bestimmten Situationen helfen kann. Aber ein Ersatz für Hörgeräte sind die AirPods Pro keinesfalls. Dafür sind ihre Hörfunktionen zu rudimentär. Außerdem wirken sie abschreckend auf Gesprächspartner und die Batterielaufzeit ist schlichtweg indiskutabel. Dennoch sollte die Hörgerätebranche die Riesen Apple und Samsung sorgfältig im Blick behalten. Bestimmt werden künftige Generationen von Bluetooth-Kopfhörern näher an die Funktionen von Hörgeräten herankommen. Vielleicht kann die Hörgeräte-Branche davon lernen, wie Apple sich bei der Entwicklung und Vermarktung auf Kundenwünsche einstellt.

Denn eines muss man neidlos anerkennen: Trotz aller technischen Defizite erzielen AirPods enorme Absatzzahlen.