Beim Abbeißen Mord: Wenn Essgeräusche Gewaltfantasien wecken

Stellen Sie sich das vor: Sie sitzen gemeinsam mit ihrem Partner am Küchentisch und er oder sie beißt genussvoll in einen Apfel. Sie lieben diesen Menschen und dennoch löst das saftige Schmatzen regelrechten Hass in ihnen aus. Sie möchten dem anderen weh tun, bloß damit er aufhört! Das gibt es tatsächlich: Auch wenn die so genannte Misophonie bislang nicht offiziell als Krankheit klassifiziert ist, leiden mehr Menschen unter Hass auf bestimmte Geräusche, als wir glauben. Was könnte die Hörakustik tun, um diesen Menschen zu helfen?

Kauen und Schmatzen verboten

Das Phänomen wurde erstmals in den 90er Jahren benannt und beschrieben: von Misophonie Betroffene können bestimmte Geräusche nicht ertragen, ohne Wut, Ekel oder gar Panik zu empfinden. Welche Geräusche das genau sind, ist individuell unterschiedlich. Besonders häufig werden in diesem Kontext Essgeräusche genannt. Dabei spielt es übrigens keine Rolle, wie laut die betreffenden Klänge – auch Trigger genannt – tatsächlich sind. Vielmehr stören gerade Geräusche, die andere kaum wahrnehmen, Misophoniker besonders.

Selten, aber quälend bis zur Berufsunfähigkeit

Da die Beschreibungen des Phänomens Misophonie sehr schwammig sind, ist bis heute nicht bekannt, wie viele Menschen davon betroffen sind. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass ein bis drei Prozent der Bevölkerung unter Misophonie leiden, vermutlich weniger1. Nichts destotrotz ist das tägliche Leiden dieser Personen real. Und zwar messbar real: Im Körper werden Stresshormone ausgeschüttet, der Puls steigt und Panikattacken können die Folge sein. Das geht so weit, dass einige Betroffene beispielsweise nicht in einem Großraumbüro arbeiten können, wo sie von den quälenden Geräuschen ihrer Kollegen umgeben sind. Das ist nämlich auch eine häufige Gemeinsamkeit bei Misophoniker: als besonders belastend werden menschengemachte Geräusche empfunden. Das hat fatale Folgen für das Sozialleben.

Rückzug vor den Auslösern mit der Folge Einsamkeit

Häufig schämen sich Menschen mit Misophonie, weil ihr Leiden für andere so schwer nachvollziehbar ist. Wie sollte man als Nicht-Betroffener auch verstehen, dass beispielsweise das Rascheln und Knistern von Kartoffelchips einen derartigen Hass auslösen kann, dass man dem Essenden am liebsten die Tüte aus der Hand schlagen möchte? Das lässt sich Außenstehenden schwer vermitteln. In der Folge ziehen sich Betroffene immer weiter aus dem gesellschaftlichen Leben zurück, bis hin zur sozialen Isolation. Am Ende bleibt nur die eigene Wohnung als Königreich, in dem man über die umgebenden Geräusche herrscht.

Therapie unbekannt

Bislang gibt es keine anerkannte Therapie zur Heilung von Misophonie. Betroffene müssen also improvisieren, um den Leidensdruck zu mindern. Eine Misophonikerin aus Hamburg berichtet, dass sie niemals ohne Kopfhörer das Haus verlässt. Bus oder Bahn kann sie nur benutzen, wenn sie laut Rock- und Metal-Musik hört, um die Geräusche der Mitreisenden zu überdecken. Um den leisen Klängen der Umgebung zu entkommen, setzt sie ihr Gehör also gefährlichen Lautstärken aus. Was wäre, wenn sie eines Tages ein Hörgerät braucht? Wie könnte die Hörakustik vielleicht sogar helfen?

Schwerhörigkeit als Ausweg?

Die Studienlage zum Thema Misophonie ist dünn und es ist äußerst schwierig, den Betroffenen Empfehlungen auszusprechen. Wäre es nicht für manche von ihnen vielleicht sogar ein Segen, wenn das Gehör nachließe und die leisen, verhassten Geräusche zum Verstummen bringen würde? Doch das hätte andere schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen, wie kognitiven Abbau und ein erhöhtes Demenzrisiko. Ganz zu schweigen davon, dass Schwerhörigkeit auch den Wideraufbau eines sozialen Miteinander erschwert. Doch vielleicht wäre ja gerade ein entsprechend programmiertes Hörsystem die Lösung!

Parallelen zum Tinnitus

Die einzigen Behandlungsversuche für Misophonie, die bislang einen gewissen Erfolg erzielt haben, ähneln der Behandlung von Tinnitus mit kognitiver Verhaltenstherapie. Durch psychologisches Training soll Akzeptanz geschaffen werden für die störenden Geräusche. Anders als bei dem überwiegend direkt im Gehirn stattfindenden Tinnitus, liegen die Auslöser bei Misophonie in Umgebungsgeräuschen. Womöglich könnte hierin ein Schlüssel für die Hörakustik liegen, um Misophonikern Linderung zu verschaffen. Meines Wissens nach gibt es hierzu keine nennenswerten wissenschaftlichen Studien. Dennoch kann ich Ihnen sagen, was ich – basierend auf gesundem Menschenverstand – an Ihrer Stelle als Hörakustiker in der Versorgung eines schwerhörigen Misophonikers ausprobieren würde.

Tinnitus-Noiser zweckentfremdet

Nehmen wir an, die oben genannte Betroffene aus Hamburg hat durch dauerhaften Einsatz von lauter Rockmusik ihr Gehör geschädigt und möchte wieder besser die Mitmenschen verstehen. Wenn gerade leise Umgebungsgeräusche ihr Probleme bereiten, brauchen diese vielleicht gar nicht mit lauter Musik überlagert zu werden. Stattdessen könnte ein Hörgerät eingesetzt werden, das ein Tinnitus-Noiser integriert hat. Sanftes Hintergrundrauschen, hier vielleicht ein wenig lauter eingestellt als gewöhnlich, dürfte nicht nur Tinnitus maskieren, sondern auch Kaugeräusche.

Frontale Ausrichtung der Mikrofone und maximaler Sprachfokus

Außerdem könnte eine besonders stark akzentuierte frontale Richtmikrofonie dafür sorgen, dass störende Hintergrundgeräusche neben und hinter der Betroffenen aus dem Bewusstsein verschwinden. Ein besonderer Fokus sollte auf der Hervorhebung von Sprache liegen, wofür alle anderen Klänge in den Hintergrund rücken sollten. Vergegenwärtigen wir uns: In diesem speziellen Fall geht es eben nicht um einen natürlichen Klang, wie bei reiner Schwerhörigkeit. Denn würden Umgebungsgeräusche natürlich wiedergegeben, wäre die Belastung durch die Trigger-Geräusche zu groß.

Bluetooth und geschlossene Otoplastik

Last but not least sollte auf jeden Fall ein Hörsystem mit Bluetooth-Funktion eingesetzt werden. Denn dann können die Betroffenen im Notfall beliebiges Audiomaterial streamen, egal ob es sich um Musik oder Klangkulissen wie Meeresbrandung handelt. Unabhängig vom Grad der Schwerhörigkeit wäre auf jeden Fall eine geschlossene Versorgung zu empfehlen, so dass die Otoplastik zugleich als Gehörschutz dient. Wenn Rundum geschmatzt und gekaut wird, können die Betroffenen einfach die Umgebungsübertragung stummschalten. Ein Hörgerät für Misophoniker muss eben, anders als es normalerweise, auch zugleich ein „Nicht-Hörgerät“ sein. Sollten Sie also einmal in die Situation kommen, eine Anpassung für einen Misophoniker vorzunehmen, können Sie zumindest einige Lösungsmöglichkeiten für ein schwer greifbares Leiden anbieten.

1SWR2 Wissen Podcast: Wie Geräusche auf uns wirken. Von Misophonie bis AMSR. 19.01.2021. https://www.swr.de/swr2/wissen/wie-geraeusche-auf-uns-wirken-von-misophonie-bis-asmr-swr2-wissen-2021-01-19-100.html