Besser als beim HNO-Arzt: So wird der erste Hörtest für Kunden zum positiven Erlebnis
Oft fragen mich Leser/innen meines Buchs Ganz Ohr um Rat, wenn sie das Gefühl haben, nicht mehr gut zu hören. Was sollen sie jetzt tun? Sollten sie einen Hörtest machen? Sollten sie zum HNO-Arzt gehen? Ich empfehle dann, zunächst einen kompetenten Hörakustiker aufzusuchen. Denn meiner Erfahrung nach sind die Hörtests dort fundierter und Kunden werden oft einfühlsamer behandelt als Patienten beim Arzt. Trotzdem ist auch im Hörakustiker-Fachgeschäft beim Ersttermin mit Hörtest manchmal noch Luft nach oben. Der Feind der Zwischenmenschlichkeit heißt: Routine.
Blackout auf dem Behandlungsstuhl
Für Hörakustiker gehören Hörstörungen zum normalen Arbeitsalltag. Doch für diejenigen Kunden, die zum ersten Mal im Leben die Schwelle zu einem Fachgeschäft überschreiten, ist ein Hörtest alles andere als Routine. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Viele Jahre lang hatte ich meinen Lebensunterhalt mit Musik verdient – als DJ, Gitarrist und Produzent. Bis ein Hörsturz mir auf der linken Seite 70 Prozent meines Gehörs raubte. Als ich daraufhin bei einem HNO-Arzt zur Untersuchung war, steckte er mir vor dem eigentlichen Hörtest einen metallenen Trichter in das betroffene Ohr, um zu prüfen, ob der Gehörgang frei war. In diesem Moment wurde mir schwarz vor Augen und ich wurde zum ersten und bisher einzigen Mal in meinem Leben ohnmächtig. Ich war einige Minuten lang besinnungslos und als ich wieder zu mir kam, war ich durcheinander. Was war hier los?
Verständnis zeigen und schaffen
Der Arzt hatte bei Seiner Untersuchung eigentlich nur einen Fehler gemacht: er hatte mir nicht erklärt, was er da gerade tat. Das erzeugte bei mir das Gefühl, meinem Schicksal hilflos ausgeliefert zu sein. In dem Moment, als ich das kühle Metall im Gehörgang spürte, wurde mir schlagartig klar, dass meine gesamte Existenz von meinem Gehör abhing. Meine Angst vor dem Ergebnis der Untersuchung war wohl derart groß, dass sie mein Bewusstsein von einer auf die andere Sekunde ausknipste. Seien Sie also bitte besonders aufmerksam und verständnisvoll, wenn Sie es mit Kunden zu tun haben, die leidenschaftliche Musikliebhaber sind oder für die Hören existenziell ist. Für sie steht der Lebensmittelpunkt oder gar die Existenzgrundlage auf dem Spiel.
Das Gegenüber kennenlernen
Es ist immer sinnvoll, sich von Anfang an ein genaues Bild von neuen Kunden zu machen. Wer sind sie, was treibt sie an und welche Rolle spielt das Hören in ihrem Leben? Bei vielen Menschen steht Kommunikation im Zentrum. Wenn Sie es mit einer Lehrerin zu tun haben, die die Schüler ihrer Klasse nicht mehr versteht, oder mit einem Manager, der auf Sitzungen den Mitarbeitern nicht folgen kann, ist für deren berufliche Existenz das Gehör elementar wichtig. Nehmen sie ihnen die Angst, indem Sie zuallererst selbst zuhören und dann aufklären. Das ist der erste Punkt, an dem sie gegenüber einem HNO-Arzt punkten. Denn in HNO-Praxen herrscht oft enormer Zeitdruck und meistens werden die Patienten so schnell wie möglich abgefertigt. Es bleibt keine Zeit für zwischenmenschlichen Austausch.
Kunden dort abholen, wo sie stehen
Nichts in an einem Hörtest ist für Laien selbstverständlich. Bevor der Hörtest anfängt, sollten die Kunden daher von Ihnen erfahren, was sie erwartet. Anschließend wäre es gut, wenn Sie bei jedem einzelnen Schritt des Hörtests noch einmal genau erklären, was sie gerade tun und welchem Zweck es dient. Wenn man als Kunde versteht, was mit einem geschieht, schafft das Vertrauen. Je besser das Bild ist, das Sie sich vorab von den Kunden machen, desto leichter wird es ihnen fallen, sie dort abzuholen, wo sie stehen – anstatt mit der Tür ins Haus zu fallen, wie es in vielen HNO-Praxen aufgrund des besagten Zeitdrucks oft der Fall ist.
Blickkontakt halten
Drei Jahre nach meinem Hörsturz kam ich mit Schwindelattacken ins Krankenhaus. Auch dort musste ich einen Hörtest machen. Es war ein Paradebeispiel für kostensparende Massenabfertigung. Die Hilfskraft, die den Test durchführte, starrte die ganze Zeit über reglos auf ihren Bildschirm, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. War ich etwa unsichtbar? Nahm sie mich überhaupt als Mensch wahr, oder war ich nur eine Nummer auf der To-do-Liste? Natürlich erfordert ein Hörtest Konzentration, doch es ist nicht zu viel verlangt, zwischendurch auch mal einen Blick auszutauschen und vielleicht sogar ein Lächeln zu schenken. Oft sind es die kleinen Gesten, die große Wirkung entfalten.
Seine Hausaufgaben machen
Natürlich sollte man vor einem Hörtest auch seine Hausaufgaben machen und das Handwerk lernen, was bei der Hilfskraft im Krankenhaus offensichtlich nicht der Fall war. Ich musste ihr erstens erklären, dass sie den Ton bei der Audiometrie oszillierend wiedergeben sollte (weil ich Tinnitus habe – wonach sie nicht gefragt hatte – und der Klang des Signals sonst in bestimmten Frequenzen maskiert wird). Und zweitens, dass sie mein rechtes, besseres Ohr mit einem Rauschen vertäuben sollte. Sonst hätte ich dort nämlich den Ton vom gegenüberliegenden schlechten Ohr wahrgenommen, der über die Knochenleitung durch den Schädel wanderte. All das hatte ich vorher bei meinem sehr guten Hörakustiker gelernt, der mir jeden dieser Schritte bei seinem Hörtest genau erklärt hatte!
Foto: Photographie Susanne Kästner / Hörgeräte Vogel