Der Mai ist gekommen: Warum Vögel im Frühling eigentlich gar nicht singen
Bei modernen Hörgeräten steht die Sprachverständlichkeit im Vordergrund und das macht auch Sinn. Schließlich ist es Sprache, die uns mit unseren Mitmenschen verbindet. Aber wissen Sie, was für mich persönlich Jahr für Jahr das größte Highlight ist, das mir meine Hörgeräte schenken? Frühlingsgefühle!
Eines der einflussreichsten Sachbücher des 20. Jahrhunderts trägt den Titel „Der Stumme Frühling“, veröffentlicht im Jahr 1962 von der Biologin Rachel Carson. Das Buch gilt als Ausgangspunkt der weltweiten Umweltbewegung. Das was den Frühling in diesem Buch zum Verstummen bringt, sind Pestizide. Sie führen dazu, dass Tiere und Pflanzen jämmerlich zugrunde gehen und dass letztlich auch die Menschen krank werden. In diesem beklemmenden Szenario sind weit und breit keine Vögel zu hören.
Was uns ohne Vögel fehlen würde
Stellen Sie sich das vor: Der Mai ist gekommen und Sie machen einen Waldspaziergang. Die jungen Blätter der Bäume haben sich entfaltet, die Blüten zeigen ihre Farbenbracht – aber es ist kein Vogelgesang zu hören. Bei aller Schönheit des Waldes wäre das so, als ob das Wichtigste fehlt. Doch zum Glück leben wir in einer Welt, in der der Frühling nicht verstummt ist. Sobald ich morgens meine heiß geliebten Hörgeräte anlege, erwacht der Tag mit den Vogelstimmen zum Leben, und mit ihnen meine Frühlingsgefühle. Ich schreibe hier bewusst „Vogelstimmen“ und nicht „Vogelgesang“, denn in Wirklichkeit „singen“ Vögel gar nicht. Das was sich für uns wie Musik anhört, ist für die Vögel etwas ganz Anderes.
Anders und doch stimmig: Vögel im Gespräch
Vögel singen nicht, Vögel sprechen. Was uns am vermeintlichen Vogelgesang musikalisch vorkommt, ist für die Tiere vor allem Kommunikation mit Artgenossen. Zwar benutzen Vögel scheinbar musikalische Motive und variieren diese1, doch bei genauer Analyse beinhalten Vogelklänge keine Töne, die auf unserer menschlichen Tonleiter liegen2. Auch arbeitet das Gehör von Vögeln ganz anders als das von uns Menschen. Es hat sich nämlich in der Evolution parallel und völlig unabhängig von unserem entwickelt.3 Während wir bekanntlich drei Gehörknöchelchen haben, haben Vögel nur einen.4 Dadurch sind Vögel Hochtonschwerhörig: Im Gegensatz zu uns und vielen anderen Säugetieren können sie keine Töne über 8 kHz hören.5
Wer hoch fliegen kann, braucht nicht hoch hören
Ehe Sie nun in Versuchung geraten, unsere gefiederten Freunde einzufangen, um ihnen Mini-Hörgeräte anzupassen: die hohen Töne über 8 kHz benötigen Vögel nicht für die Kommunikation. Ihr Gehör hat dafür andere Stärken, die dem unseren überlegen sind. Ihre Hörwahrnehmung hat nämlich eine bessere zeitliche Auflösung als unsere, wodurch sie viel schnellere Veränderungen erfassen können6. Folglich „sprechen“ sie auch schneller mit ihren Artgenossen und können somit in kürzerer Zeit mehr Informationen austauschen. Das führt dazu, dass Forscher Aufnahmen von Vogelstimmen verlangsamt abspielen müssen, um alle Details hören zu können.7
Ist Sprache eine Frage der Gene?
Nun wissen wir also, warum es sich bei Vogelstimmen nicht um Musik handelt. Doch wie kommen Forscher nun darauf, dass es sich um bei den Vogellauten um Sprache handelt? Tatsächlich gibt es verblüffende Parallelen zu uns Menschen. Nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen sind für die Lautbildung bei Vögeln und Menschen dieselben Gene verantwortlich8, die womöglich von einem entfernten gemeinsamen Vorfahren stammten. Also aus einer Zeit, ehe sich das Gehör von Menschen und Vögeln unabhängig voneinander entwickelt hat. Aber nicht nur auf genetischer Ebene gibt es Parallelen von Vogelstimmen zu unserer Sprache.
Gut gelernt ist halb gesprochen
Wie wir lernen Vögel die Laute von ihren Eltern und Artgenossen. Sie imitieren deren Klänge mit der eigenen Stimme. Der so genannte Vogelgesang ist also nicht angeboren, sondern eine erlernte Sprache, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Einige Vogelarten können darüber hinaus Sprachen anderer Spezies imitieren – man denke an Papageien, die Sätze ihrer menschlichen Besitzer wiederholen. Selbst das Klingeln von Handys können manche Vögel imitieren. Forscher fanden heraus, dass es sowohl beim Menschen als auch bei Vögeln einen engen Zusammenhang zwischen dem Hören und dem Erzeugen von Lauten gibt. Wenn wir vertraute Sprachmuster wahrnehmen, sind bestimmte Nervenzellen im Gehirn ebenso aktiv, wie wenn wir selbst sprechen. Gleiches gilt für die Vögel: Bei ihnen sind dieselben Hirnareale aktiv, egal ob sie selbst Laute bilden oder die Laute eines Artgenossen hören.9
A Walk in the Park
Wenn ich also beim frühlingshaften Spaziergang im Park durch meine Hörgeräte die Vogelstimmen um mich herum genieße, belausche ich in Wahrheit hunderte Gespräche. Weil ich eben nur ein Mensch bin, kann ich leider nicht verstehen, was die Vögel sagen. Dafür sprechen sie einfach zu schnell. Doch egal, worum es unseren gefiederten Freunden beim Austausch mit Artgenossen geht: Ich möchte diesen wunderbaren Klang nicht mehr missen und allein deshalb lohnt es sich sich schon, mit Hörgeräten in den Frühling zu starten.
1 Lehmann, C. (2012). Der genetische Notenschlüssel (2 Ausg.). München: Herbig.
2 Snowdon, C. T., Zimmermann, E., & Altenmüller, E. (2015). Music evolution and neuroscience. Progress in Brain Research(217), S. 17-34, doi: 10.1016/bs.pbr.2014.11.019.
3 Anthwal, N., Joshi, L., & Tucker, A. S. (Januar 2013). Evolution of the mammalian middle ear and jaw: adaptions and novel structures. Journal of Anatomy, S. 147-160, doi: 10.1111/j.1469-7580.2012.01526.x.
4 Zou et. al. (3. April 2012). Induction of the Chick Columella and Its Integration With the Inner Ear. Developmental Dynamic(241), S. 1104-1110, doi: 10.1002/dvdy.23788.
5 Spektrum Akademischer Verlag. (2000). Lexikon der Neurowissenschaften. Von www.spetkrum.de: http://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/gehoerorgane/41341 abgerufen
6 Dooling, R. J., & Prior, N. H. (Februar 2017). Do we hear what birds hear in birdsong? Animal Behaviour(124), S. 283-289, doi: 10.1016/j.anbehav.2016.10.012.
7 Otterstedt, C. (2015). Mensch und Tier im Dialog. Kommunikation und artgerechter Umgang mit Haus- und Nutztieren. Methoden der tiergestützten Arbeit und Therapie. Stuttgart: Kosmos.
8 Oikkonen, J., Onkamo, P., Järvelä, I., & Kanduri, C. (22. Dezember 2016). Convergent Evidence for the Molecular Basis of Musical Traits. Scientific Reports(6), S. doi: 10.1038/srep39707.
9 Miller-Sims, V. C., & Bottjer, S. W. (20. Dezember 2012). Development of Auditory-Vocal Perceptual Skills in Songbirds. PLoS ONE(7), S. doi:10.1371/ journal.pone.0052365.