Knochenarbeit: Das kleine Wunder im Mittelohr

Wenn Sie den ganzen Tag auf einer Messe oder in einem Hörakustik-Fachgeschäft stehen, geht das „auf die Knochen“. Beim Ski- oder Fahrradfahren können wir uns Knochen brechen. Je älter wir werden, desto mehr werden unsere Knochen ein Thema. Doch wer denkt schon an diejenigen Knochen, dank denen wir 99 Prozent mehr hören können? Die Entstehungsgeschichte der Gehörknöchelchen ist mindestens genauso spannend, wie ihre tägliche Leistung.

Das Leben auf der Erde begann unter Wasser. Etwa vor 400 Millionen Jahren konnten die ersten Fische unter Wasser hören. Wir alle wären nicht hier auf diesem schönen Planeten, wenn unsere frühen Vorfahren nicht 30 Millionen Jahre später das Land besiedelt hätten. Doch für ihr Gehör brachte das einen entscheidenden Nachteil: Sie waren an der Luft hochgradig schwerhörig.  Denn das Hören unter Wasser findet unter gänzlich anderen Bedingungen statt.

Hören unter Wasser ist anders

Einerseits beträgt die Schallgeschwindigkeit unter Wasser 1.500 Meter pro Sekunde, statt der 342 Meter pro Sekunde in der Luft. Andererseits ist Wasser viel dichter als die Luft. Der Schall übertrug sich durch die Häute der Urzeit-Fische direkt auf die Flüssigkeiten in ihrem Körper und landete so in ihrem Hörorgan. Die Luftbewegung bei der Schallübertragung reichte dafür nicht aus. Was nun?

Am Boden hört es sich am besten

Die frühen Landbewohner benutzten anfangs einen Trick: sie legten ihre Kiefer auf den Boden. Dadurch konnten sie Vibrationen wahrnehmen, die durch den Boden übertragen wurden, und so rechtzeitig Fressfeinde hören. Bis auch der Luftschall in den hohen Frequenzen gut gehört werden konnte waren viele weitere Schritte der Evolution nötig und vor allem die Veränderung der Kieferknochen. Diese wanderten nämlich nach und nach ins Ohr. Und dort sitzen sie noch heute bei allen Säugetieren, unter anderem bei uns Menschen.

Die Verwandlung: Vom Kieferknochen zum Gehörknöchelchen

Doch der Reihe nach: Wie war es möglich, dass der Kiefer von Urzeittieren das Gehör nachhaltig verbesserte? Zunächst einmal veränderte sich bei den Nachfolgern der ersten Amphibien, nämlich bei den Reptilien, die Kiefer, um anderen Kau-Anforderungen gerecht zu werden. Dadurch wurden einige Knochen des Kiefers überflüssig. Sie verkümmerten, wurden immer kleiner und wanderten höher in den Schädel hinauf. Dort landeten sie schließlich im Ohr. Der kleinste Knochen des menschlichen Körpers ist der berühmte Steigbügel im Mittelohr. Es lohnt sich zu betrachten, was er gemeinsam mit Hammer und Amboss leistet.

Pump up the Volume

Die drei Gehörknöchelchen sind mächtige, analoge Verstärker. Die feine Schwingung des Trommelfells wird von ihnen auf ein Level gebracht, das die Haarzellen im Innenohr anregt. Ohne die Gehörknöchelchen käme nur ein Prozent des Luftschalls in unserem Innenohr an – der Rest würde wirkungslos in der der Paukenhöhle verpuffen. Doch die Gehörknöchelchen sind nicht nur Verstärker, sondern auch „Limiter“ – zum Wohle unserer Hörgesundheit. Hier kommt zur Knochenarbeit noch Muskeltraining hinzu.

Bodybuilding im Mittelohr

Die Gehörknöchelchen sind über Sehnen mit zwei kleinen Muskeln verbunden. Wenn wir Lärm ausgesetzt sind, spannen sich diese Muskeln an. Dadurch dämpfen sie die Bewegung der Gehörknöchelchen ab und verringern die Schallübertragung um das bis zu Tausendfache. Ohne diesen Mechanismus würden unsere Haarzellen sehr viel schneller verschleißen und Tinnitus wäre Tür und Tor geöffnet.

Lärmpausen zum Wohle unserer Ohren

Der Haken bei dem natürlichen Limiter in unseren Ohren ist, dass die kleinen Muskeln – wie alle anderen Muskeln auch – bei großer Belastung ermüden. Ab einer gewissen Lärmdauer wird die Schutzwirkung beeinträchtigt. Raten Sie Ihren Kunden also am besten, ihrem Gehör in lauten Umgebungen zwischendurch Lärmpausen zu gönnen. Entweder, indem der lärmende Bereich für einige Zeit verlassen wird, oder indem Gehörschutz zum Einsatz kommt.  Hörgeräteträger können natürlich auch die Verstärkung der Hörgeräte anpassen, doch bei einer offenen Versorgung ist die Wirkung nicht mit einer Hörpause oder einem Gehörschutz vergleichbar. Individuell angepasste IdOs können eventuell auch als Gehörschutz funktionieren – das kann durchaus ausprobiert werden.

Test über die lange Leitung

Schon lange gehört die so genannte „Knochenleitung“ bei Hörtests zum Standard. Allerdings meint das nicht die Gehörknöchelchen, sondern die Vibration des Schädelknochens, die das Innenohr direkt erreicht. So kann geprüft werden, ob ein Problem im Innenohr vorliegt, oder bei der Übertragung dorthin. Damit werden die Gehörknöchelchen gezielt umgangen. Wenn Sie demnächst einen Knochenleitungshörer bei einem Kunden aufsetzen, denken Sie vielleicht einmal daran, welche Knochenarbeit diese kleinen, ehemaligen Reptilien-Kieferknochen immerfort leisten – wenn nicht gerade ein solcher Kopfhörer eingesetzt wird.

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