Kognitive Hörverarbeitung (Teil 2)

Rückblick und Zusammenfassung Teil I

Unter kognitiver Wahrnehmung versteht man das Sammeln von Informationen aus unserer Umwelt durch die Sinneswahrnehmungen Hören, Sehen, Riechen, Tasten und Schmecken, aber auch die Art und Weise, wie wir mit Informationen umgehen, sie erfassen, verarbeiten und letztendlich auswerten. Während sich Wahrnehmung auf die Informationsgewinnung bezieht, beschreibt Kognition auch die Hirnprozesse Erinnern, Lernen, Problemlösen oder Orientieren. Hören ist also die Aufnahme und Umwandlung von Schallwellen in Nervenimpulse sowie die Weiterleitung ans Gehirn und umfasst auch das Abgleichen, Filtern, Zusammensetzen und Interpretieren der Hörinformationen. Dieses geschieht in zwei Teilschritten.  Wir fassen sie unter den Begriffen peripheres Hören (Schallaufnahme, Umwandlung und Weiterleitung) und zentrales Hören (Abgleichen, Filtern, Zusammensetzen und Interpretieren) zusammen. Das Ergebnis beider Prozesse nennen wir Verstehen! Defizite in diesen Prozessen haben große Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens – insbesondere auf das Sozialleben.

Was ist kognitive Hörverarbeitung?

Kognitives Hören bzw. zentrales Hören – auch Hörverarbeitung oder Hörwahrnehmung genannt – beschreibt den Teil des Hörens, der auf neuronaler Ebene im Gehirn erfolgt, nach dem peripheren Hören, das mit dem Organ Ohr – also mit dem Innenohr – bewältigt wird. Der Ort des Geschehens – also der Hörverarbeitung – ist das limbische System im Gehirn.

Ort der kognitiven Hörverarbeitung: das limbische System

Das limbische System ist die Zentrale des vegetativen und psychischen Regulationssystems. Es verarbeitet ankommende Reize aus der Umwelt und aus dem Körperinneren. Das limbische System steuert ebenfalls das emotionale Verhalten und beherbergt die Gefühle und Teile des Gedächtnisses und ist an der Gedächtnisbildung beteiligt. Im limbischen System werden die Hörinformationen in einzelnen Bereichen teilverarbeitet und dann als Hörinformation wieder zusammengesetzt und ans Bewusstsein weitergeleitet. Die Arbeitsbereiche der Hörverarbeitung, die durch einen oder mehrere Teilnehmer des limbischen Systems erfolgen, lassen sich so bezeichnen: Hörgedächtnis, Bewertung, Lateralisierung (Stereohören), Lautstärke- und Laufzeitdifferenzierung und Mustererkennung zur Sprachdifferenzierung.

Die Bewertung

Alles was wir Hören wird bewertet. Ob etwas positiv oder negativ ist, also potentiell gefährlich, bewertet die Amygdala. Sie ist zuständig für die Risikobewertung. Die Risikobereitschaft hängt von der Größe der Amygdala ab. Die Amygdala bei Frauen ist doppelt so groß wie bei Männern. Daher ist die Risikobewertung bei Männern und Frauen unterschiedlich und Frauen sind nicht so Risikobereit wie Männer. Das sieht man dann auf Spielplätzen, wenn der Vater den dreijährigen Sohn anfeuert auf dem Gerüst ganz nach Oben zu klettern und die Mutter starr vor Angst daneben steht und überlegt, wie sie den Kleinen auffängt, falls er gleich fällt. Die Amygdala ist das emotionale Zentrum und beurteilt die Hörinformationen. Welche Musik wir gut finden und welche nicht hängt von der Bewertung der Amygdala vor unserem Erfahrungshintergrund ab. Laute Schallereignisse werden von ihr aber generell erstmal als bedrohlich eingestuft. Ob wir Musik lieber basslastig oder hochtönig akzentuiert mögen, wird ebenfalls von der Amygdala beeinflusst und in Zusammenarbeit mit dem auditiven Cortex vorgegeben.

Bewusstes Hören

Der auditive oder auch auditorische Cortex, auch Hörzentrum oder Hörrinde genannt, ist der Bereich der Großhirnrinde, der der Endverarbeitung und dem letztendlichen Bewusstwerden von akustischen Reizen dient. Er ist somit der Endpunkt der Hörbahn. Ins Bewusstsein dringen vorwiegend Hörreize, die unbekannt oder nicht einordbar oder potenziell bedrohlich sind, sowie natürlich alles, worauf man sich konzentriert. Eine der wichtigsten Aufgaben der Hörrinde ist das Sprachverstehen. Diese Leistung basiert auf den vorangegangenen Vorleistungen und Vorverarbeitungen im limbischen System. Nach dem Abgleichen, der räumlichen Einordnung und der Vorsortierung von Erinnerungsmustern sowie der Bewertung, werden die Ergebnisse an die Hörrinde weitergereicht.

Der Bewusstseinsfilter

Alle Sinnesorgane liefern 11 Millionen Bit pro Sekunde an Informationen. Das ist ein wahnsinniges Datenvolumen. Allerdings werden nicht alle 11 Millionen Bits an Informationen, die unsere Sinnesorgane pro Sekunde sammeln, an das Bewusstsein durchgereicht. Nur 0,0004% werden uns bewusst. Der Rest wird raus gefiltert, um unser Bewusstsein nicht zu überfordern. Das menschliche Gehirn kann nur eine bestimmte Menge an Reizen auf einmal aufnehmen oder verarbeiten, die Ressourcen des Gehirns sind beschränkt.  Aussortiert werden Informationen, die nicht von Interesse sind. Was von Interesse für uns ist, hängt von unseren Prioritäten ab.

Prioritäten und Aufmerksamkeit

Priorität für das limbische System, genauer gesagt für den Hypothalamus, sind Bedürfnisse, die das Überleben sichern, wie Hunger oder Durst. Auf der anderen Seite stehen und persönliche Prioritäten, also Dinge die für uns persönlich wichtig sind. Was uns wichtig ist, wird von unserer Aufmerksamkeit bestimmt. Aufmerksamkeit ist die kognitive Fähigkeit, die die Verarbeitungsressourcen auf bestimmte Dinge verteilen, z. B. die Wahrnehmung der Umwelt, aber auch Gedanken, Gefühle und das eigene Verhalten und Handeln. Wird einer Information nicht innerhalb von fünf Sekunden Aufmerksamkeit zugeteilt, wird die Information als unwichtig bewertet und ignoriert, also weggefiltert. Wenn allerdings Informationen unsere Aufmerksamkeit erregen, werden sie im Kurzzeitgedächtnis zwischengespeichert und stehen kurzfristig zur Verfügung. Wenn man hier nach einem Beispiel fragt, muss man nur an die Werbung denken. Die ganze Werbung ist darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit zu erregen.

 


Prioritäten kontra Bedürfnisse

Welche der Informationen nun durch den winzig kleinen Filter von weniger 1 % an das Bewusstsein durchgelassen werden, hängt von der Aufmerksamkeit ab. Die Aufmerksamkeit als Selektionshilfe kann nur korrekt arbeiten und Prioritäten an das Bewusstsein weiterleiten, wenn die Bedürfnisse gedeckt sind. Das Bedeutet, wenn sie einem Vortrag zuhören möchten, dann ist der Inhalt erfassen und aufnehmen die persönliche Priorität. Solange sie satt sind, können sie dem Vortrag folgen. Wenn nun aber eines der Bedürfnisse nicht mehr gedeckt ist, verlieren die persönlichen Prioritäten an Vorrang. Das bedeutet einfach gesagt: wenn sie Hunger haben, können sie nicht mehr konzentriert zuhören. Der Grund ist einfach. Das Überleben des Körpers hat immer Vorrang und wird durch das Decken der Bedürfnisse gewährleistet.


 

Die Bedeutung des zentralen Hörens

Die Bedeutung des zentralen Hörens im Vergleich zum peripheren Hören hat erst in jüngerer Zeit die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung bekommen, die es verdient. Denn noch bis vor Kurzem wurde angenommen, dass eine Altersschwerhörigkeit allein auf das Nachlassen der Hörleistung des Innenohres zurückzuführen sei. Somit wurde es als ausreichend angesehen, Menschen mit Hörverlust mit Hörgeräten zu versorgen. Doch das Verstehen wurde durch die apparative Versorgung oft nicht ausreichend bzw. zufriedenstellend wiederhergestellt. Hörgeräteträger berichten, sie hören zwar lauter mit den Hörsystemen, aber sie würden nicht viel besser verstehen. Besonders in geräuschvoller Umgebung sei es nach wie vor schwer oder unmöglich. In einer umfassenden Studie mit Höreingeschränkten wurde festgestellt, dass für die meisten der Schwerhörigkeiten im Alter sowohl Haarzellschäden des Innenohres als auch Veränderungen der zentralen neuronalen Hörverarbeitung verantwortlich seien. Hören ist also ein zweigeteilter Prozess. Beide Teilprozesse sind störanfällig. Ob ein Hörverlust oder eine Störung der Verarbeitung und Auswertung vorliegt, wie bei einer AVWS (Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung), kommt aufs Gleiche raus. Wenn also einer der beiden Prozesse fehlerhaft ist, wird das Verstehen nicht oder nur erschwert möglich sein und beeinflusst darüber hinaus auch die anderen Wahrnehmungssysteme.

In meinem nächsten Artikel werde ich auf die Auswirkungen der Hörstörungen auf das Verstehen eingehen und die Zusammenhänge erklären, warum die Störungen der auditiven Wahrnehmung auch die anderen Wahrnehmungsbereiche, wie Sehen aber auch Motorik, beeinflussen.


Literatur:
Was Hänschen nicht hört, VAK-Verlag Freiburg, 2001 ISBN 3-932098-89-7
Das Praxishandbuch zum Warnke-Verfahren, Wedemark, 2005 ISBN 3-932659-22-8


Einzelnachweise und Quellen:
Hesse-G (2003) „Altershörigkeit – Audiometrische Befunde zur Differenzierung peripherer und zentraler Anteile der Hörfähigkeit im Alter“, Habilitation am HNO-Lehrstuhl der Universität Witten-Herdecke, S. 81
Ptok-M. (2000) „Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen und Legasthenie“ Hessisches Ärzteblatt 2/2000, S. 52–54
Tallal-P, (2004) „Improving language and literacy is a matter of time“, Nature Reviews Neuroscience, Volume 5, Sept. 2004, 721–728
Tewes-U, Steffen-S, Warnke-F (2003) „Automatisierungsstörungen als Ursache von Lernproblemen“, Forum Logopädie 1/2003, S. 24–30

Über die Autorin

Sandra Kappner
Hörtherapeutin, Tinnitus-Spezialistin, Hörakustikmeisterin und psychologisch- pädagogische Persönlichkeitsberaterin beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit dem Entwickeln von Lösungs- und Therapieansätzen bei kognitiven Verarbeitungsproblemen wie Tinnitus, Hyperakusis, AVWS, Hörentwöhnung und Schlafstörungen.

Sie ist eine über die Landesgrenzen hinaus gefragte und geschätzte Kapazität auf dem Gebiet der kognitiven Hörverarbeitung.