Kognitive Hörverarbeitung (Teil 3)
Rückblick und Zusammenfassung Teil I +II
Kognitives Hören bzw. zentrales Hören – auch Hörverarbeitung oder Hörwahrnehmung genannt- beschreibt den Teil des Hörens, der auf neuronaler Ebene im Gehirn erfolgt, nach dem peripheren Hören, das mit dem Organ Ohr – also mit dem Innenohr – bewältigt wird. Das Verstehen ist also eine Leistung des kognitiven Hörens. Bis vor Kurzem wurde angenommen, dass eine Altersschwerhörigkeit allein auf das Nachlassen der Hörleistung des Innenohres zurückzuführen sei. Somit wurde es als ausreichend angesehen, Menschen mit Hörverlust mit Hörgeräten zu versorgen. Doch das Verstehen wurde durch die apparative Versorgung oft nicht ausreichend bzw. zufriedenstellend wiederhergestellt. Hörgeräteträger berichten, sie hören zwar lauter mit Hörsystemen, aber sie würden nicht viel besser verstehen. Besonders in geräuschvoller Umgebung sei es nach wie vor schwer oder unmöglich. In einer umfassenden Studie mit Höreingeschränkten wurde festgestellt, dass für die meisten der Schwerhörigkeiten im Alter sowohl Haarzellschäden des Innenohres als auch Veränderungen der zentralen neuronalen Hörverarbeitung verantwortlich seien. Hören ist ja bekanntlich ein zweigeteilter Prozess, bestehend aus dem peripheren Hören (Schallaufnahme, Schallweiterleitung, Schallumwandlung) und dem kognitiven Hören (Verarbeitung, Filterung, Auswertung). Beide Teilprozesse sind störanfällig. Ob ein Hörverlust oder eine Störung der Verarbeitung und Auswertung vorliegt, kommt aufs Gleiche raus: das Verstehen wird nicht oder nur erschwert möglich sein und beeinflusst darüber hinaus auch die anderen Wahrnehmungssysteme.
Ursache Hörverlust und Wirkung
Ein Hörverlust bedeutet nicht nur das Haarzellschäden des Innenohres nachweisbar sind, sondern auch Veränderungen der zentralen neuronalen Hörverarbeitungsprozesse. Bei Menschen mit Hörverlust nehmen die kognitiven Fähigkeiten schneller ab, als bei normalhörenden. Eine wissenschaftliche Studie ergab, dass Hörverlust im Alter Gedächtnis- und Denkleistungen abnehmen lässt. Aufgrund der Lärmbelastungen im modernen Leben und die höhere Lebenserwartung, sind immer mehr Menschen prozentual von Hörverlust betroffen. Hörgeminderte Menschen weisen ein um 24 Prozent höheres Risiko für kognitive Beeinträchtigungen auf. Gründe hierfür sind der Mangel an Hörinformationen im Gehirn und die damit verbundenen Fehlinterpretationen aufgrund des Hörverlustes. Erschwerend kommt die soziale Isolation hinzu, in die sich Betroffene aus Scham begeben. Der geminderte Austausch mit der Umwelt, und die Minimierung der Sinneseindrücke führen zum Abnehmen der kognitiven Leistungsfähigkeit. Außerdem muss das Gehirn mehr Kapazitäten zur Verarbeitung von gehörtem verbrauchen um das Fehlen von Informationen, als Folge des Hörverlustes, auszugleichen. Diese Kapazitäten fehlen dann anderen Verarbeitungsprozessen. Je länger der Zustand anhält desto mehr gewöhnt sich das Gehirn an die Reizarmut im Bereich der Hörverarbeitung- eine Hörentwöhnung tritt ein.
Hörentwöhnung
Mit Hörentwöhnung ist die Störung einer oder mehrerer Teilprozesse der zentralen Hörverarbeitung gemeint aufgrund des Informationsmangels durch den vorliegenden Hörverlust. Natürlich spielen Dauer und Art des Hörverlustes ebenfalls eine Rolle. Je länger der Hörverlust unversorgt bleibt desto schwerwiegender die Hörentwöhnung. Statistisch gesehen braucht ein von Hörverlust betroffener Mensch 7 bis 11 Jahre, ab dem Eintreten des Hörverlustes bis zur apparativen Versorgung mit Hörgeräten. Das ist eine furchtbar lange Zeit in der die Hörverarbeitung nicht wie ursprünglich statt- finden und eine Hörentwöhnung sich leicht etablieren kann. Eine andere Statistik besagt, dass 8 von 10 Menschen Hörentwöhnt sind, zu dem Zeitpunkt ihrer ersten Hörgeräteversorgung.
Auswirkungen des Hörverlustes auf die gesamte Wahrnehmung
Hörentwöhnung und Hörgeräteversorgung
Den Rückgang der kognitiven Fähigkeiten durch den Einsatz von Hörgeräten aufzuhalten reicht allerdings oft nicht aus, obwohl der frühzeitige Einsatz von Hörgeräten die Rückgewöhnung an das normale Hören erleichtern kann. Die sogenannte Gewöhnung an Hörgeräte in Kombination mit einer Hörentwöhnung kann 8 bis 12 Monate dauern. Wohingegen eine Gewöhnung an Hörsysteme ohne Hörentwöhnung 6 bis 12 Wochen dauert. Um eine Hörentwöhnung rückgängig zu machen muss das Gehirn entsprechend gereizt und trainiert werden. Die neuronalen Prozesse müssen reorganisiert werden und neue Verknüpfungen müssen erstellt werden. Hierzu bedarf es einer gezielten Impuls-Neurostimulation- also einem Hörtraining.
Hörentwöhnung mit Hörtraining rückgängig machen
Die vier Verarbeitungsbereiche des zentralen Hörens, nämlich Hörgedächtnis, Lateralisierung, Lokalisation und Sprachdifferenzierung müssen wieder aufeinander abgestimmt werden. Das ist fast wie das Kalibrieren einer Messeinheit oder Maschine. Zur ausgeglichenen Reizung der entsprechenden Hirnareale muss das limbische System nicht nur gereizt und stimuliert werden, sondern auch wieder in die Entspannung gebracht werden. Durch auditive Reizprofile, also Impulse von An- und Entspannung wird ein neuronaler Prozess der Reorganisierung eingeleitet. Das Stresszentrum im Gehirn wird zurückgesetzt und das Verstehen von Sprache wird wieder mehr Priorität. Zusätzlich werden die vier Bereich des zentralen Hörens durch gezielte Übungen angeregt sich zu reorganisieren und wieder miteinander zu kooperieren. Durch die regelmäßige Anwendung sogenannter Audio-Impulstrainings, können kognitive Verarbeitungsprozesse regeneriert und etabliert werden. Die Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen können behoben werden, Stress im Gehirn kann reduziert werden und das Verstehen funktioniert wieder zuverlässig.
In meinem nächsten Artikel werde ich auf die die Wirkung von Stress auf das Gehirn eingehen und erläutern, warum das Verstehen beeinträchtigt ist, auch ohne das Vorliegen eines Hörverlustes.
Literatur:
Was Hänschen nicht hört, VAK-Verlag Freiburg, 2001 ISBN 3-932098-89-7
Das Praxishandbuch zum Warnke-Verfahren, Wedemark, 2005 ISBN 3-932659-22-8
Einzelnachweise und Quellen:
https://www.welt.de/wissenschaft/article120646901/Warum-uns-komprimierter-Digitalklang-so-nervt.html
Hesse-G (2003) „Altershörigkeit – Audiometrische Befunde zur Differenzierung peripherer und zentraler Anteile der Hörfähigkeit im Alter“, Habilitation am HNO-Lehrstuhl der Universität Witten-Herdecke, S. 81
Ptok-M. (2000) „Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen und Legasthenie“ Hessisches Ärzteblatt 2/2000, S. 52–54
Tallal-P, (2004) „Improving language and literacy is a matter of time“, Nature Reviews Neuroscience, Volume 5, Sept. 2004, 721–728
Tewes-U, Steffen-S, Warnke-F (2003) „Automatisierungsstörungen als Ursache von Lernproblemen“, Forum Logopädie 1/2003, S. 24–30
