Mit welchem Sound die Zukunft auf uns zurollt: Der bunte Klang der Elektromobilität
Vor kurzem vermeldete der US-Konzern Tesla einen Quartals-Gewinn von mehr als einer Milliarde Dollar. In der Vergangenheit war Firmenchef Elon Musk für seine Vision von Elektro-Autos oft belächelt worden. Nun ist Tesla die mit einer Marktkapitalisierung von 633 Milliarden Dollar der wertvollste Autobauer der Welt. Neuerdings gibt die EU vor, dass ab 2035 nur noch Elektroautos verkauft werden dürfen. Die Zukunft fährt also elektrisch – doch was bedeutet die leise Technologie für unser Gehör und vor allem für Menschen mit Hörverlust?
Nach wie vor ist Lärm die zweithäufigste Ursache für emissionsbedingte Erkrankungen, gleich nach der Luftverschmutzung. Beides wird gerade in Großstädten immer mehr zurückgehen, je mehr sich Elektromobilität durchsetzen wird. Doch ganz geräuschlos geht es auch bei Elektromotoren nicht – das schreibt das Gesetz vor. Laut EU-Verordnung müssen Elektroautos seit 2019 mit „autoähnlichen“ Tönen warnen.
Langsam, aber sicher: Warngeräusche bis 20 km/h
Konkreter wurde es am 1. Juli 2021. Hier trat eine EU-Verordnung in Kraft, die besagt: Alle neuen Elektroautos müssen über ein „Acoustic Vehicle Alerting System“, kurz AVAS, verfügen. Die Technik soll bei Geschwindigkeiten bis 20 km/h und beim Rückwärtsfahren mit künstlichen Warntönen auf sich aufmerksam machen. Sonst hätten andere Verkehrsteilnehmer keine Chance, die Richtung zu hören, aus der sich Elektroautos nähern. Auch die Fahrgeräusche bei höheren Geschwindigkeiten werden überwiegend künstlich erzeugt. Dahinter steckt aufwändiges Sounddesign: Die Autohersteller wittern ihre Chance, den Klang der Zukunft mitzugestalten.
Teures Sounddesign für das beste Image
Satte fünf Prozent der gesamten Entwicklungskosten von Elektroautos fließen allein in das Sounddesign. Das mag vergleichsweise viel erscheinen, doch die Hersteller wissen, dass hier ein wichtiger Hebel zum Image-Wechsel liegt. Galten einst röhrende Motoren von Sportwagen als der akustische Höhepunkt im Leben eines beruflich erfolgreichen Machos, muss nun ein anderes Klangideal geschaffen werden. Teure Autos sollen teuer klingen, und schnelle Autos sollen schnell klingen – allerdings ohne den Höllenlärm aus dem Zeitalter der Verbrennungsmotoren zu wiederholen. Lauter als 75 Dezibel darf es laut Gesetz nicht werden. Weil die Möglichkeiten zur elektronischen Klangerzeugung innerhalb dieser Vorgabe nahezu unbegrenzt sind, verfolgen verschiedene Hersteller unterschiedliche Strategien.
Von Hollywood bis Akku-Schrauber: Erlaubt ist, was gut klingt
BMW setzt auf die Kompetenz von Hollywood – und hat keinen geringeren als Star-Film-Komponist und Oscarpreisträger Hans Zimmer für den perfekten Sound engagiert. Der scheint Science-Fiction zu mögen: der BMW i4 hört sich von außen an wie ein Raumschiff im Vorbeiflug. Nicht minder kreativ waren die Audio-Künstler hinter dem Audi e-Tron GT. Ganze 32 Klangspuren mixten sie zusammen, darunter Aufnahmen von eines Akku-Schraubers und eines Modellhubschraubers. Doch nicht alle Hersteller verabschieden sich vollständig vom Erbe des Verbrennungsmotors. Der US-Hersteller Ford vereint im Mustang Mach-E ein turbinenartiges Geräusch mit dem Blubbern eines V8-Motors. Welche Herangehensweise bei den Verbrauchern am besten ankommt, wird sich zeigen. Doch was erwartet diejenigen Menschen, die nicht hinter dem Steuer sitzen und die mit Hörgeräten auf der Straße unterwegs sind – und was bedeutet das für die Hörakustik?
Orientierung im Klang-Mix auf den Straßen: Die Hörumgebung nicht einschränken
Die Vielzahl der unterschiedlichen Klänge im Straßenverkehr könnte in Zukunft eine Herausforderung bei der Anpassung von Hörgeräten werden. Welche Frequenzen sollten hervorgehoben werden, wenn Hörgeräteträger zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind? Diese Frage wird sich nicht eindeutig beantworten lassen, denn die Klangkonzepte der verschiedenen Hersteller sind zu unterschiedlich. Ein Motor klingt eben nicht mehr unbedingt wie ein Motor. Doch ob sich ein Raumschiff nähert, oder ein Akku-Schrauber: Wichtig ist in jedem Fall, dass das Richtungshören im Straßenverkehr nicht eingeschränkt wird. Wenn bei Ihren Kunden häufig Sprachprogramme mit Richtmikrofonie zum Einsatz kommen, weisen Sie sie bitte auf das Risiko hin. Solche Programme können in einem vollen Restaurant hilfreich sein, sollten aber auf dem Heimweg unbedingt deaktiviert werden. Für Hörgeräteträger wird künftig im Straßenverkehr ein rundum offenes Hören wichtiger sein denn je.