Sound of Metal – Eine grandios vertane Chance für die Hörakustik und alle Schwerhörigen

Nie habe ich einen Film gesehen und vor allem gehört, der mich gleichzeitig so tief bewegt und verärgert hat, wie Sound of Metal. Bewegt hat mich die Geschichte des passionierten Musikers Ruben, der sein Gehör verliert. Verärgert hat mich, wie schlecht der Film seinen Helden und die Zuschauer über die Themen Schwerhörigkeit, Hörgeräte und Cochlea Implantate aufklärt. Doch der Reihe nach. Worum geht es in dem Film?

Von der Konzertbühne zum Hörakustiker

Ruben ist Schlagzeuger und reist gemeinsam mit seiner Freundin Lou als musikalisches Duo in einem Wohnmobil auf Konzert-Tour durch die USA. Eines Tages erleidet er einen beidseitigen Hörsturz. Hier etabliert der Film ein kunstvolles Sounddesign, das im Folgenden immer wieder die Zuschauer in die Klangwelt von Ruben versetzen wird. Wir hören so, wie Ruben hört: dumpf, hohl, konturlos und in den Höhen viel zu leise. Da mir ein Hörsturz auf dem linken Ohr 70 Prozent meines Gehörs genommen hat, kann ich bestätigen: das hört sich im Film erschreckend echt an! Verzweifelt sucht Ruben einen Audiologen auf (in den USA sind „Audiologists“ das Pendant zu deutschen Hörakustikern) und hier erwartet uns das erste große Ärgernis des Films.

Katastrophale Diagnose ohne Fundament

Wir sehen und hören kurze Auszüge eines Einsilber-Hörtests und erleben, dass Ruben in der Klangkabine große Schwierigkeiten mit dem Verstehen hat. Anschließend erklärt der Audiologe Ruben via Kopfhörer, dass er rechts nur noch 28 Prozent, links 24 Prozent hört. Bei dem Einsilber-Hörtest hat Ruben auf der höchsten Lautstärke Fehlerquoten von 70 bis 80 Prozent. Der Audiologe sagt, es sei egal, ob die Ursache großer Lärm oder eine Autoimmunerkrankung sei – Ruben solle auf jeden Fall ab jetzt Lärm vermeiden und in einigen Tagen könnte man weitere Tests machen. Das Gehör könnte man mit Implantaten wiederherstellen, aber das sei teuer: die Kosten betrügen zwischen 40.000 und 80.000 Dollar und das zahle keine Versicherung (willkommen im maroden Gesundheitssystem der USA!). Oberste Priorität für Ruben müsse sein, sein Restgehör zu erhalten. Schnitt: Ruben sitzt wieder am Schlagzeug und trommelt sich die Seele aus dem Leib. Moment, denke ich, da fehlt doch etwas!

Falsche Hoffnungslosigkeit

Ich spule zurück und schaue, ob ich etwas überhört habe. Aber nein: Kein Wort von Hörgeräten! Warum nicht? 28 und 24 Prozent Restgehör könnte man doch wunderbar mit Hörsystemen versorgen und damit das Sprachverstehen neu schulen (Mein Restgehör links beträgt 30 Prozent und ich habe mit Oticon Opn S1 auf diesem Ohr 85 Prozent Sprachverständnis). Ebenso wenig nachvollziehbar ist, wie der Audiologe darauf kommt, dass Rubens Gehör sich weiter verschlechtern und nie zurückkehren wird. Fakt ist: zwei Drittel aller Hörstürze verschwinden von alleine im Zeitraum zwischen wenigen Stunden und einem Jahr1. Ruben bereits zu diesem frühen Zeitpunkt zu sagen, dass sein Gehör nie mehr zurückkehren wird, ist höchst fahrlässig. Dann auch noch Cochlea-Implantate zu erwähnen, bei deren Einsatz in der Regel das Restgehör zerstört wird, und gleichzeitig Hörgeräte als Versorgung auszulassen, grenzt geradezu an Körperverletzung!

Vom Schwerhörigen zum Gehörlosen gemacht

Im Folgenden nutzt der Film immer wieder den kunstvoll verfremdeten Ton, um uns Rubens dumpfes Restgehör erleben zu lassen. Gleichzeitig wird Ruben als „taub“ bezeichnet und er nennt sich auch selbst so. Was falsch ist: Nein, Ruben ist nicht taub! Er ist hochgradig schwerhörig und er könnte mit Hörgeräten seine Lebensqualität zurückgewinnen! Stattdessen geht Ruben in eine abgeschiedene Wohngemeinschaft von Gehörlosen, um hier die Gebärdensprache zu lernen und seine „Gehörlosigkeit“ zu akzeptieren.

Romantisierte Gehörlosen-Kultur

Der Film konzentriert sich darauf zu zeigen, wie sich Ruben nach anfänglichen Widerständen in die Gemeinschaft einlebt und sein Leben als „Gehörloser“ immer besser meistert. Hauptdarsteller Riz Ahmed läuft zur Bestform auf im Zusammenspiel mit einer Gruppe von echten Gehörlosen. All das ist mitreißend, anrührend und empathisch erzählt. Der Film lässt sich viel Zeit für die Figur Ruben und für die Gehörlosen-Kultur mit ihrer Gebärdensprache. Doch leider nimmt er sich bei über zwei Stunden Spielzeit überhaupt keine Zeit, Zuschauer über die Möglichkeiten einer angemessenen Hörversorgung zu informieren. Und es kommt noch schlimmer!

Rauswurf wegen der Entscheidung, wieder hören zu wollen

Ruben entscheidet schließlich, dass er wieder hören möchte und Musik machen will. Er verkauft das Wohnmobil samt Musik-Equipment und lässt sich vom Erlös Cochlea Implantate anpassen. Die Operation wird schonungslos blutig gezeigt, was offensichtlich schockieren soll. Es ist ein Vorgeschmack auf die Haltung, die der Film gegenüber CIs hat. Als Ruben nämlich dem Leiter der Gehörlosengruppe von seiner Operation berichtet, wird er fristlos rausgeworfen. Denn: Man betrachtet in der Gruppe Gehörlosigkeit nicht als Behinderung und CIs verstoßen gegen den gemeinsamen Kodex. Was aus medizinischer Sicht ein Unding ist! Wie kann man sich nur so sehr gegen eine Technologie sträuben, die das Verstehen von Sprache und gesellschaftliche Teilhabe mit Normalhörenden ermöglicht? Und wie kann man einen Menschen dafür verurteilen, dass er wieder hören möchte?

Die Rückkehr der Sprache

Nachdem also CIs als Teufelswerk abgestempelt sind, ist Ruben auf sich gestellt. So muss er in der Heilungsphase nach der Operation einige Wochen bis zum Aktivieren des Implantats im Zustand kompletter Taubheit überbrücken. Als das CI dann endlich eingeschaltet wird, kann er tatsächlich die Ärztin hören und sie verstehen. Aber: Es klingt alles andere als schön. Der Klang ist metallisch, voller störender Artefakte. So ausgestattet reist Ruben nach Belgien, um seine Freundin Lou zu besuchen.

Metallische Bienenschwärme im Kopf

In der Großstadt summt und surrt es bedrohlich um Ruben herum, wie ein Schwarm aus metallenen Bienen. Später ist er auf einer Party, wo er nichts versteht: überall ertönt nur das metallische Summen. In ruhigen Umgebungen kann er einzelne Stimmen sehr wohl verstehen, nicht aber im Durcheinander des Festes. Als schließlich seine Freundin gemeinsam mit dem Vater ein Lied singt, wird die musikalische Qualität durch den Klang von Rubens CIs zerstört. Das ist das Ende des Traums vom Musikmachen. Am nächsten Tag sitzt Ruben alleine auf einer Bank mitten in der Stadt und digital zerfetzte Kirchglocken erklingen furchtbar schaurig. Das ist ihm zu viel: Ruben reißt sich die Sendespulen der CIs vom Kopf. Der Film endet in Stille. Was will er uns damit sagen?

Fazit: Die falsche Botschaft im richtigen Film

Es ist naheliegend, das Ende als Rubens Entscheidung zu deuten, lieber taub zu leben als mit aktivierten CIs. Und das ist fatal. Niemand hat Ruben gesagt, dass das Gehirn Monate braucht, um sich an den neuen Höreindruck zu gewöhnen und dass der Klang dann nicht mehr als unangenehm empfunden wird. Zuschauer, die sich noch nie mit der Materie befasst haben, dürften CIs nun äußerst kritisch gegenüberstehen. Dabei widerspricht die irrationale Ablehnung gegenüber dieser Technologie allen wissenschaftlichen Erkenntnissen und auch den Erfahrungen, die wir in der Hörakustik tagtäglich mit Hörgeräten, Hörgeräteträgern und CI-Trägern machen. Eine Hörgeräteversorgung findet im Film nicht statt, obwohl es für Ruben das Beste wäre. Das ist umso bedauerlicher, als Sound of Metal an sich ein beeindruckendes Kunstwerk ist. Der Film ist allein deshalb schon sehenswert, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie hochgradige Schwerhörigkeit und CIs für die Betroffenen klingen. Bloß sollten alle Hörakustik-Profis an den richtigen Stellen die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Und diese können keinesfalls lauten, auf Hörgeräte und CIs zu verzichten.

Sound of Metal, USA/Belgien 2019
121 Minuten
Drehbuch und Regie: Darius Marder
Musik, Sounddesign: Nicolas Becker, Abraham Marder
Besetzung: Riz Ahmed, Olivia Cooke, Paul Raci
Amazon Studios

1 Linthicum, F. H., Doherty, J., & Berliner, K. I. (Dezember 2013). Idiopathic Sudden Sensorineural Hearing Loss: Vascular or Viral? Otolaryngol Head Neck Surgery, S. 914-917, doi:10.1177/0194599813506546.
Foto: Amazon Studios