Warum Hören keine einseitige Sache ist: Mein binaurales Leben mit einem gesunden Ohr

Die HNO-Ärztin hebt den Blick von meinem Audiogramm und fragt ungläubig: „Und damit tragen Sie trotzdem zwei Hörgeräte?“ Ich nicke. Sie: „Aber Ihr rechtes Ohr ist im Sprachbereich doch noch gut für Ihr Alter.“ Das kann ich bestätigen. Und dann fange ich an zu berichten von den spannenden Erkenntnissen, die ich bei der Recherche zu meinem Sachbuch Ganz Ohr gewonnen habe. Sie hört aufmerksam zu und als ich mit meinem kleinen Vortrag über binaurales Hören fertig bin, sagt sie: „Das macht in Ihrem Fall wirklich Sinn. Schade, dass die Krankenkasse das zweite Gerät nicht bezuschusst.“ Ich nicke, doch die Investition aus eigener Tasche ist es mir allemal wert. Denn die Indikation der Krankenkasse übersieht etwas ganz Entscheidendes: Nämlich, dass Hören keine einseitige Sache ist.

Das Rechteck des Grauens

Ein Blick auf mein Audiogramm zeigt, dass meine rechte Hörkurve deutlich oberhalb des gefürchteten Rechtecks liegt, das laut Krankenkasse an mehreren Positionen gekreuzt werden müsste. Angeblich sei nur dann ein Hörgerät auf dem betreffenden Ohr angebracht. Doch ich schramme lediglich bei 4 kHz an der Kante des Rechtecks vorbei. Das reicht nicht für eine Indikation. Natürlich bin ich froh, dass mein rechtes Ohr noch so gut in Schuss ist. Doch es ist eben nicht alleine auf der Welt. Ohr Nummer Zwei auf der anderen Seite meines Kopfes ist durch die Erkrankung Morbus Menière stark beeinträchtigt. Die Folge sind breitbandiger Hörverlust, eine durchgängige Hörschwelle von mindestens 60 dB, Tinnitus und noch dazu eine verzerrte Klangwahrnehmung, die jede Stimme wie Mickey Mouse klingen lässt. Anfangs hatte ich es auf dieser Seite mit einem einzelnen IdO-Hörgerät versucht, einem Phonak Virto V 50. Obwohl es gut eingestellt war und technisch überzeugte, reichte es nicht. Ich hatte weiterhin Probleme, Sprache in lauten Umgebungen zu verstehen und Klänge im Raum zu orten. Heute weiß ich, warum.

Aus Zwei mach Eins

Zwar hob das Hörgerät in meinem linken Ohr Klänge in den Bereich meiner Hörschwelle, die ich vorher nicht hatte wahrnehmen können. Aber es klang völlig anders als der natürliche Höreindruck in meinem rechten Ohr. Im Normalfall baut unser Gehirn aus den beiden Höreindrücken links und rechts einen einzigen neuen zusammen. Bei mir funktionierte das nicht fehlerfrei: Mein Gehirn konnte die sehr unterschiedlichen Klänge von rechts und links nicht problemlos zusammenführen. Schon bei einem Normalhörenden ist die beidseitige Hörverarbeitung komplex. Winzige Zeit- und Klangunterschiede zwischen links und rechts ermöglichen uns unter Anderem, die Richtung von Klängen zu erkennen. Das wiederum ist elementar dafür, Sprache im Störgeräusch zu verstehen. Hier kommt der berühmte Cocktailparty-Effekt zum Tragen.

Verloren im Klangbrei

Wenn wir uns bei einer geräuschvollen Cocktailparty oder in einem vollen Restaurant auf einen bestimmten Sprecher konzentrieren, lässt unser Gehirn seine Stimme doppelt so laut erscheinen, wie andere Stimmen in der Umgebung1. Das funktionierte allerdings bei mir nicht, wenn ich ein einzelnes Hörgerät trug. Ich hörte viel, verstand aber nur wenig. Nachdem ich zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Sprachverstehen gelesen hatte, kam ich auf eine Idee. Was, wenn mein Gehirn nicht in der Lage war, die sehr unterschiedlichen Höreindrücke von links und rechts zu einem stimmigen Gesamtbild zu verschmelzen? Und falls das zutraf, wie konnte ich die Situation dann verbessern? Gab es vielleicht einen Trick, meinem Gehirn bei der Zusammenführung von linkem und rechtem Höreindruck auf die Sprünge zu helfen?

Doppelt hört besser

Nach reiflicher Überlegung kam ich auf die Idee, zwei Hörgeräte auszuprobieren, die binaural miteinander kommunizieren und die in Stereo ein stimmiges Gesamtklangbild erschaffen. Der Gedanke dahinter war, dass der Klang des normalhörenden rechten Ohrs dadurch besser zum beeinträchtigten linken Ohr passen müsste. Idealerweise sollten es Hörgeräte sein, die räumliche Eindrücke möglichst nicht mit Richtmikrofonen einschränken. So entschied ich mich für den OPN Soundnavigator von Oticon mit seiner 360-Grad-Klangverarbeitung. Da ich keine Kompromisse bei der Klangqualität machen wollte, wählte ich sogleich die höchste Preisklasse und ließ mir Oticon OPN 1 anpassen. Was ich damit erlebte, war erstaunlich.

Neue Klangfülle

Zunächst einmal war es beeindruckend, wie viel mehr Details nun auch mein angeblich normalhörendes Ohr lieferte. Auf der Hörkurve meines rechten Ohrs ist direkt rechts von dem „Krankenkassen-Rechteck“ ein steiler Abfall auf bis zu minus 65 dB bei 8 Kilohertz zu sehen. Während die Krankenkasse den Frequenzbereich für Sprache auf 500 Hertz bis 4 Kilohertz beschränkt, sind tatsächlich viele Sprachanteile hochfrequenter, wie etwa die Laute F, S, T und H. Tatsächlich halte ich sogar jegliche Beschränkung auf einen angeblichen Sprachbereich für einen Fehler!

Sprache ist nicht die ganze Welt

Unser evolutionär gewachsener Gehörsinn versucht stets, die gesamte Umgebung um uns herum zu analysieren. Das sicherte das Überleben unserer Vorfahren gegen unsichtbare Gefahren. Sprache ist nur ein Teil der Welt, wenn auch ein besonders wichtiger. Aber dazu gehören auch sämtliche anderen hörbaren Geräusche – und gerade hochfrequente Töne helfen uns dabei, die Richtung, aus der ein Klang kommt, zu erkennen. Sehr viele Geräusche starten mit sogenannten Transienten, hochfrequenten lauten Klicks. Dazu zählen Schritte, das Knacken von Ästen, das Klirren von Besteck und sehr viel mehr. Wenn wir solche hochfrequenten Umgebungsgeräusche nicht klar orten und ausfiltern können, fällt es uns umso schwerer, Sprache zu orten und uns im Raum zu orientieren. Ich merkte sofort, dass das zweite Hörgerät in meinem „normalhörenden“ Ohr mir sehr viel mehr Umgebungsinformationen vermittelte und dass ich mich räumlich besser zurechtfand. Doch würde auch die binaurale Kommunikation meiner beiden Ohren damit besser funktionieren und würde ich Sprache wieder besser verstehen?

Besserer Sprachmix im Gehirn

Ich brauchte einige Zeit, um mich an die neue Klangfülle zu gewöhnen. Aber es war sofort klar, dass ich nun deutlich besser Sprache verstehen konnte, auch in schwierigen Umgebungen. Insgesamt war ich wesentlich entspannter und meine chronische Erschöpfung aufgrund meiner Verständnisschwierigkeiten nahm ab. Meine neue, binaurale Welt klang natürlicher und der Stereo-Mix in meinem Gehirn war ausgewogener. Einen weiteren ganz großen Vorteil der binauralen Versorgung erlebte ich dank Bluetooth: Endlich konnte ich Medieninhalte in Stereo streamen!

Ein neues Universum: Streamen in Stereo

Vorher, mit nur einem Hörgerät, war Streaming für mich völlig uninteressant. Denn ich wäre niemals auf die Idee gekommen, gerade auf meinem schlechten Ohr mit seinem verzerrten Klang Anrufe und Podcasts zu streamen oder gar Musik zu hören. Jetzt, mit zwei Hörgeräten, telefoniere ich nur noch über die Hörgeräte und nutze einen TV-Streamer, sowohl beim Fernsehen, als auch für Videokonferenzen am Rechner. Dank der binauralen Versorgung trage ich sozusagen meine Stereo-Kopfhörer stets am Kopf. Die Programmeinstellung berücksichtigt, dass ich auf der linken Seite eine geschlossene Otoplastik trage, auf der rechten eine offene. Sobald ich streame, wandert das Panorama technisch gesehen nach rechts, wodurch der Lautstärkeverlust durch die offene Versorgung ausgeglichen wird.

Fazit: Nicht nur auf die Krankenkassen hören, sondern die bestmögliche Versorgung bieten

Heute trage ich mit OPN S1 die neueste Chip-Generation von Oticon, die noch einmal zahlreiche weitere Klangdetails in meine Welt bringt. Ich möchte die Klangwelt in 360 Grad nicht mehr missen und bin sehr froh, dass ich der binauralen Versorgung eine Chance gegeben habe – auch wenn die Krankenkasse anderer Meinung war. In diesem Sinne möchte ich Ihnen als Hörakustiker wärmstens ans Herz legen, auch jenen Kunden mit einem asymmetrischen Hörverlust eine binaurale Versorgung nahezulegen, deren Indikation nur für ein Ohr gilt. Erklären Sie den Zusammenhang von räumlicher Wahrnehmung und Sprachverstehen, und geben Sie die Möglichkeit, auch zwei Hörgeräte anzupassen und kostenlos zu testen. Wenn Ihre Kunden den gewaltigen Unterschied erleben, werden sie mit einem zweiten Hörgerät ein großes Plus an Lebensqualität gewinnen. Und Sie als Hörakustiker dürfen sich dann nicht nur darüber freuen, den Kunden die bestmögliche Versorgung zu bieten, sondern auch über den doppelten Umsatz.

1 Slatky, H. (1992). Algorithmen zur richtungsselektiven Verarbeitung von Schallsignalen: die Realisierung eines binauralen Cocktail-Party-Prozessor-Systems. Dissertation an der Fakultät Elektrotechnik an der Ruhr-Universität Bochum. Fakultät Elektrotechnik an der Ruhr-Universität Bochum.