Warum Hören nicht gleich Verstehen ist
Jeder Hörakustiker weiß: Haarzellen im Ohr liefern Hörinformationen ans Gehirn. Sind Haarzellen geschädigt, können wir fehlende Informationen mit modernen Hörgeräten ausgleichen. So weit, so gut. Doch das bedeutet noch lange nicht, dass diese Informationen im Gehirn auch richtig weiterverarbeitet werden! Denn das Verstehen von Sprache ist ein hoch komplexer Vorgang, bei dem viel schiefgehen kann. Obwohl Reintonaudiometrie bei der Erstellung des Tonaudiogramms notwendig ist, kann sie daher doch nicht alle Antworten liefern.
Das Gehirn schickt mehr Daten an die Ohren, als umgekehrt
Das Ohr hört, das Gehirn versteht. Schätzungen zufolge sendet das Gehirn sogar zehnmal mehr Informationen an die Ohren, als umgekehrt. Diese so genannten efferenten Impulse vom Gehirn lassen die Basilarmembran in unserer Hörschnecke vibrieren. Unser Gehirn weiß, was es verstehen möchte, und stellt auf diese Weise die Ohren auf den Höreindruck ein. Das passiert zum Beispiel, wenn wir in einer lauten Umgebung Sprache verstehen wollen. Funktionieren allerdings bestimmte Nervenverbindungen im Gehirn nicht mehr hundertprozentig, kommen weniger Impulse beim Ohr an. Die Folge: Sprache wird schlechter verstanden. Auch dann, wenn das Hörgerät eigentlich korrekt eingestellt ist. Mehr noch: Sogar Menschen ohne per Reintonaudiometrie messbaren Hörverlust können Probleme beim Verstehen haben.
Kreuz und quer auf der Hörbahn
Wie kompliziert die Verbindungen in unserem Gehirn sind, die uns Sprache verstehen lassen, mag ein kleiner Einblick in unsere Hörbahn vergegenwärtigen. Zunächst einmal sind das linke und das rechte Ohr über Kreuz verschaltet1. Höreindrücke vom rechten Ohr werden vor allem an die linke Hirnhälfte gesendet, währen das linke Ohr vor allem die rechte Hirnhälfte beliefert. Die linke Gehirnhälfte ist zuständig für die Verarbeitung von Sprache, die rechte für die von Musik. Und als wäre all das nicht schon kompliziert genug, kreuzen sich die Hörbahnen vom linken und rechten Ohr in den beiden so genannten Olivenkernen, knapp unterhalb des Schädelansatzes. Von dieser Schaltzentrale aus laufen auch Signale zwischen beiden Ohren hin und her, die also in gewisser Weise miteinander kommunizieren.
Wie unsere beiden Ohren miteinander sprechen
Wird es beispielsweise dem rechten Ohr zu laut, sagt es dem linken über die Nervenbahnen Bescheid und auch dieses regelt dann seine Empfindlichkeit herunter, so dass der Lärm weniger stört. Außerdem ermöglicht nur das Zusammenwirken von rechtem und linkem Ohr ein präzises Richtungshören, das wiederum ganz wichtig ist für das Sprachverstehen. Wenn wir uns in einer Gruppe von Menschen auf einen bestimmten Sprecher konzentrieren, nehmen wir seine Stimme doppelt so laut wahr, wie gleichzeitige Stimmen aus anderen Richtungen2.
Verstehen heißt sich erinnern
Etliche weitere Hirnbereiche werden beim Sprachverstehen aktiviert, beispielsweise auch das Gedächtnis. Denn natürlich können wir nur Worte verstehen, die wir irgendwann einmal gelernt haben und an die wir uns erinnern. Das gleiche gilt für grammatikalische Regeln, die uns Sätze im Zusammenhang verstehen lassen. All das passiert in Sekundenbruchteilen in unserem Gehirn. Liegt eine Störung in diesem komplexen Netzwerk vor, können wir Sprache schlechter verstehen. Die Ursache muss also nicht zwangsläufig im Ohr liegen. Forscher sprechen in diesem Fall von einem so genannten versteckten Hörverlust (Hidden Hearing Loss), der sich nicht auf dem Tonaudiogramm zeigt3 4 . Doch was heißt das für die Hörakustik?
Immer auch Sprache im Störgeräusch messen
Lange galt die Reintonaudiometrie als Goldstandard in der Hörakustik. Seit man das Phänomen des versteckten Hörverlusts entdeckt hat, ist das nicht mehr ausreichend. Um Schwierigkeiten beim Sprachverstehen zu erkennen, sollte immer auch Sprache im Störgeräusch gemessen werden. Dieser Test sollte gerade am Anfang einer Hörversorgung regelmäßig wiederholt werden. Denn das oben skizzierte Netzwerk im Gehirn, welches für das Verstehen zuständig ist, braucht eine gewisse Zeit der Eingewöhnung an die neuen Höreindrücke von den Hörgeräten. Auch wenn die Hörkurve gleichbleibt, kann sich das Sprachverstehen verbessern. Tritt keine Verbesserung beim Sprachverstehen auf, sollte mit weiteren Einstellmöglichkeiten des Hörgeräts experimentiert werden. So kann beispielsweise auch bei mildem oder ungleichmäßigem Hörverlust eine binaurale Versorgung Wunder wirken, um Sprache besser zu verstehen – wird so doch der Höreindruck von rechts und links auf technischem Weg zusammengeführt.
Die Pille für besseres Verstehen
Mittlerweile wird sogar an Medikamenten geforscht, welche das Sprachverstehen auf neuronaler Ebene verbessern und es zeigen sich erste Erfolge5. Zwar werden solche Substanzen niemals Hörgeräte ersetzen können, doch sie könnten Hörgeräteträgern helfen, sich besser an die Geräte zu gewöhnen und Sprache müheloser zu verstehen. Bis es so weit ist, brauchen wir engagierte Hörakustiker, die ihren Kunden genau zuhören, ihre Schwierigkeiten beim Sprachverstehen identifizieren und die technische Möglichkeiten von Hörgeräten kreativ ausnutzen, um das Sprachverstehen zu verbessern.
1 Lee, Y. S., Wingfield, A., Min, N.-E., Kotloff, E., Grossman, M., & Peelle, J. E. (2018). Differences in Hearing Acuity among “Normal-Hearing” Young Adults Modulate the Neural Basis for Speech Comprehension. eNeuro, S. 10.1523/ENEURO.0263-17.2018.
2 Slatky, H. (1992). Algorithmen zur richtungsselektiven Verarbeitung von Schallsignalen: die Realisierung eines binauralen Cocktail-Party-Prozessor-Systems. Dissertation an der Fakultät Elektrotechnik an der Ruhr-Universität Bochum. Fakultät Elektrotechnik an der Ruhr-Universität Bochum..
3 Kujawa, S. G., & Liberman, M. C. (11. November 2009). Adding Insult to Injury: Cochlear Nerve Degeneration after “Temporary” Noise-Induced Hearing Loss. Journal of Neuroscience, S. 14077-14088, doi:10.1523/JNEUROSCI.2845-09.2009.
4 Liberman, M. C. (2016). Noise-Induced Hearing Loss: Permanent Versus Temporary Threshold Shifts and the Effects of Hair Cell Versus Neuronal Degeneration. In A. N. Popper, & A. Hawkins, The Effects of Noise on Aquatic Life II (S. 1-9). New York, Heidelberg, Dordrecht, London: Springer.
5 Rumalla, K., Karim, A., & Hullar, T. E. (24. Oktober 2014). The effect of hearing aids on postural stability. The Laryngoscope, S. 720-723, https://doi.org/10.1002/lary.24974.